An einem grauen Morgen im Oktober 2055 vor der Europäischen Einwanderungsbehörde in Brüssel stehen Tausende von Menschen in mehreren Reihen im prasselnden Regen.
Herr G., ein hochgewachsener Mann mit schwarzen Haaren unterhält sich mit Herrn K., einem kleinen, rundlichen Herrn fast ohne Haar in einer nicht enden wollenden Schlange.
“Die italienischen und deutschen Grenzen haben sie erst einmal dicht gemacht. Nach Österreich ließen sie heute etwa 200 rein, erzählte mir vorhin ein Schaulustiger. Wenn sie meinem Wunsch nicht nachkommen, werde ich zunächst wohl auf irgendeiner Alm im Tirol landen.”, sagt Herr G. und schaut betrübt unter seinem schwarzen Schirm hervor. Herr K. runzelt die Stirn und fragt: “Hat er auch gesagt, wie viele schon abgewiesen worden sind?”
“Das konnte der Mann nicht genau sagen. Er meinte, er hätte mindestens 10 gesehen, die nicht weitergekommen sind. Ich frage mich, was dann wohl mit ihnen geschieht.”, erwidert Herr G. Beide Männer starren einen Augenblick lang auf die Menschen, die vor ihnen stehen. Frauen und Familien bilden eine separate Schlange, die neben ihnen deutlich schneller voranschreitet. Der Lange fasst sich immer wieder an Schultern und Rücken und verzerrt dabei schmerzerfüllt sein Gesicht.
“Es war eine anstrengende Reise, wissen Sie: Bus, Fähre, Flieger, kaum Schlaf… und das Ganze wochenlang. Mein Zeitgefühl hat mich dabei völlig im Stich gelassen. Bei Ihnen war es wahrscheinlich nicht anders.” Herr K. nickt nur.
“Was haben Sie denn als Wunschland angegeben?” fragt Herr G..
“Schweden, da werde ich wohl am Ehesten Arbeit finden. Im Moment sieht es nicht danach aus, dass sie unsere Wünsche in Betracht ziehen…Und Sie?”
“Was meinen Sie?”
“Wo möchten Sie hin?”, fragt Herr K.
“Norwegen, meine Familie ist dort.”, antwortet Herr G. und stellt sich auf Zehenspitzen, um über die Menschenmasse hinweg nach dem Ende der Schlange zu suchen; er gibt es kurze Zeit später jedoch auf und wendet sich dem kleinen Mann zu.
“Wir werden hier wohl noch länger verweilen müssen.” Dann blickt er dem Kurzen direkt ins Gesicht und fragt: “Haben Sie denn Familie?”
Dieser schaut nach unten, hält die rechte Hand als Faust geformt vor den Mund und räuspert sich.
“Nein, es ist kompliziert. Ich habe mein Haus verloren.”
“Oh, das tut mir leid!”
“Und Sie, warum sind Sie nicht bei Ihrer Familie?”, wundert sich Herr K.
“ Das frag’ ich mich jede Sekunde! Ich Sturkopf wollte es einfach nicht wahrhaben. Meine Frau hat schon ans Weggehen gedacht, als sie mit unserer ersten Tochter Schwanger war. Vor drei Jahren, als ein Sturm nach dem anderen folgte und wir im Frühjahr nur mit Überschwemmungen zu tun hatten, wollte meine Frau dann definitiv das Land verlassen. Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen… Ständig redete sie auf mich ein. Die Kinder können hier nicht bleiben, hier gäbe es keine Zukunft für sie. Die politische Lage spitze sich zu und es würde nicht mehr lange dauern, bis Zukari die Macht ergreife. Dann sei alles vorbei! Ich solle das doch endlich begreifen! Und was machte ich damals? Ich hörte sie gar nicht; ich wollte es nicht einsehen, meine Heimat einfach so aufzugeben… Tja, eines Tages, es war der 24.06.2052, wachte ich gegen Mittag auf. Ich hatte die Nacht davor lange im Denali’s gearbeitet, so hieß mein Restaurant; und ich wunderte mich darüber, dass ich nicht vom morgendlichen Streiten unserer Töchter wach wurde. Schlaftrunken ging ich also ins Zimmer nebenan, das Zimmer von Tia, meiner jüngeren Tochter. Alles war zu meinem Erstaunen aufgeräumt! Ich öffnete ihren Schrank. Bis auf ein paar Kleider, die traurig auf den Bügeln hingen, war alles weg. Ich rannte zurück ins Schlafzimmer und riss die Schranktür meiner Frau auf. Alles leer. Ich war damals fassungslos, wissen Sie, konnte es einfach nicht glauben!“
„Oh, das tut mir leid.“, sagt Herr K. im recht gleichgültigen Ton. „Und dann?“, fragt er jedoch gleich im Anschluss, da er den Redebedarf seines Gegenübers spürt und ein bisschen Ablenkung von seiner eigenen Innenwelt gebrauchen kann.
„Dann rief ich natürlich meine Frau an, doch es sprang immer wieder ihre Mailbox an und ich hab’ noch ihren verdammten Spruch im Ohr, als wäre es gestern gewesen. Schließlich versuchte ich es bei ihrer Freundin, die alles andere als begeistert über meinen Anruf war. “Du hast sie nie angehört und jetzt ist es zu spät!”, war im Groben ihre Botschaft. Nachdem ich ihr mehrmals versichert hatte, dass ich meine Familie liebe und sie finden möchte, koste es was es wolle, wurde sie endlich weich. Norwegen, sagte sie, Marina hätte dort eine Tätigkeit in der Katastrophenschutzbehörde gefunden und daher vom EU-Konsulat eine Einreisegenehmigung für sich und die Mädchen erhalten. – “Welche Stadt?”, fragte ich hastig.” “Bergen.”, antwortete sie. Dort gäbe es noch halbwegs leere Eingliederungscamps, die den Ruf hätten, eine korrekte Integration von Opfern aus den orangen und roten Zonen durchzuführen. Sie selbst hätte dort auch einen Job bekommen und würde in ein paar Wochen aufbrechen. … In diesem Moment dachte ich, wie blind ich doch vorher gewesen war! Ich hatte buchstäblich gepennt! All die Vorbereitungen, die meine Frau getroffen hatte: Die Abrechnungen auf dem Tisch für gebuchte Sprachkurse, die Weiterbildung für regenerative Energiesysteme, die meine Frau unbedingt machen wollte, sämtliche Artikel über Umweltpolitik, all diese offensichtlichen Zeichen habe ich übersehen oder irgendwie ausgeblendet, verdrängt. Ich war zu sehr in meiner Arbeit vertieft. Naja, irgendwann erreichte ich Marina dann doch am Telefon. Sie war sehr kurz angebunden, nannte mir nur Bruchstücke von Details, als wolle sie gar nicht, dass ich ihnen folge.” Herr G. hält plötzlich inne.
“Entschuldigen Sie bitte. Ich wollte nicht so ausrudern und Sie mit meinem Privatleben langweilen!”
“Schon gut!”, sagt Herr K. und schnieft. Einen Augenblick lang schweigen sich die beiden nach unten schauend an.
“Sie sagten, Sie hätten Ihr Haus verloren. Das ist natürlich furchtbar! War es ein Tornado?”, greift der Lange das Gespräch wieder auf. “Letztes Jahr wurden bei uns allein schon 20 im Norden gezählt. Hätte mir das jemand vor 30 Jahren erzählt, hätte ich ihn glatt für verrückt erklärt. So etwas gab es früher in unserem Land äußerst selten!”