Mein Herz hüpft wie ein zappelnder Fisch im Netz, als ich unsere Dachterrasse betrete. Am anderen Ende erblicke ich Lily, die gerade die unterschiedlichsten Delikatessen in fünf kleine Schüsseln kippt und auf den zusammengeschusterten Couchtisch stellt.

“Bonjour ma belle, schön Dich zu sehen!”, sage ich. “Lass Dich mal anschauen!”

Es ist in der Tat schon länger her, dass ich einer meiner Figuren so nahe gekommen bin. 

“Hallo Jules!”, sagt sie im ernsten Ton. Während sie auf mich zukommt, streicht sie sich ihre langen, schwarzen Haare aus dem Gesicht. Gute zwei Meter vor mir hält sie abrupt inne, als käme ihr erst in diesem Moment das Virus wieder in den Sinn. Verkrampft winken wir uns zu. Unter normalen Umständen hätten wir uns vermutlich umarmt, nur müssen wir derzeit auf jegliche Berührungen verzichten.

“Danke übrigens für die Einladung! Es ist gut, dass wir uns heute alle mal richtig zu Gesicht bekommen. Ich bin gespannt, was Ihr so Wichtiges mit mir besprechen wollt.”, sage ich. Lily versteht meine Absicht, eine Unterhaltung zu beginnen.

“Wir warten lieber auf die anderen.”, sagt sie nur, als wir zur Sitzecke zurückkehren und uns auf den mit Kissen übersäten, blau-weiß gestreiften Matratzen niederlassen, die den Tisch einrahmen. Lily nimmt gegenüber von mir Platz. Nachdem ich meine halbvolle Weinflasche und mein Glas in eine Ecke abgestellt habe, verteile nun auch ich vorsichtig mit einem Löffel meine mitgebrachten Oliven in mehrere Gefäße. Ich gebe mir Mühe, sie nicht mit meinen Fingern anzufassen. Danach stelle ich die Säfte und ein paar Teelichter in die Mitte des Tisches und lasse schließlich den Blick über die Dächer von Palma schweifen. Die Frühlingssonne hängt tief am Himmel und hinterlässt orange-rote Spuren am Horizont. 

“Die Lichter zünden wir später an.”, sage ich leise und unverständlich, eher zu mir selbst. Eine Kirchenglocke läutet zweimal, Schwalben tanzen in der feuchtwarmen Luft umher und zwitschern Lieder von Abenteuern und fernen Ländern. Die in rötliches Licht eingetauchte Kirchenspitze und die eng aneinander stehenden Häuser strahlen eine sanfte Ruhe aus. Bis auf eine Person, die gegenüber von unserem Gebäude eine Verbindungstreppe wie ein Aufziehmännchen rauf – und runter rennt, befindet sich niemand auf den Dachterrassen, die sich wie holprige, unebene Teppiche am Horizont ausdehnen.

Lily tut es mir gleich, auch sie schaut sich auf der Dachterrasse um und mustert die für Mallorca typischen Pflanzen, Sukkulente oder Aeonium genannt, die in gigantischen Töpfen die Terrassenmauern dekorieren. Indessen hole ich unauffällig mein I-Phone aus der Hosentasche und überprüfe, ob es auf stumm geschaltet ist. Danach drücke ich es fest in meine Tasche hinein, um nicht zu riskieren, dass es nachher zum Vorschein kommt und von den Kids entdeckt wird. Ich möchte nicht, dass meine Gäste zu häufig mit der heutigen Technik konfrontiert werden. Es genügt schon, dass jede(r) von ihnen einen Fernseher mit Netflix in der Wohnung hat. Zu viele Neuheiten würden nur zu noch mehr Verwirrungen führen. 

“Ein Glück haben wir in dieser kuriosen Zeit die Dachterrasse! Wenn wir wirklich noch länger an diesem Ort verweilen, könnten wir damit anfangen, hier oben Bienen zu züchten, die Terrasse ist tatsächlich sehr geeignet dafür! … Die Bienen, die ich bisher gesehen habe, kann ich an einer Hand abzählen!”, sagt Lily, ihren Blick nun wieder auf mich gerichtet. Noch ganz die Alte, denke ich und lächele; das ist meine Lily, die Umweltschützerin, die ich nur zu gut kenne

Plötzlich höre ich schnelle, laute Schritte, die aus dem Treppenhaus kommen. Konzentriert versuche ich sie zuzuordnen. Santi, eindeutig. 

“Hola guapas!”, ruft dieser und streckt seinen Kopf aus dem Terrassenzugang heraus. 

Bei uns angelangt, legt er seinen Stoffbeutel vorsichtig ab, in dem irgend etwas aneinander klirrt, und lässt sich danach sportlich auf eine der Matratzen plumpsen, als handele es sich um ein Trampolin, das die Aufgabe hat, ihn sicher aufzufangen und ihn kurz darauf wieder hoch zu katapultieren. Überrascht stelle ich fest, dass seine Haarfarbe in jedem Licht anders aussieht. Sie scheint sich der Umgebung anzupassen, genau wie ein Chamäleon seine Hautfarbe an die Umgebung anpasst. 

“Gern würd’ ich Euch Ladies einen Handkuss geben, nur erscheint es mir unter den gegebenen Umständen etwas unpassend.”, redet er im gekünstelten Ton und übertriebener Gestik. “Wie läuft’s denn in der Weiberbude? Habt Ihr schon den Quarantäne-Koller?”, wendet er sich an Lily, die als Reaktion darauf nur mit den Augen rollt und sich dann zu mir dreht. 

“Bald müsste doch der Applaus kommen, oder ?”, fragt sie mich. Ich nicke und bemerke, dass wir noch eine halbe Stunde bis dahin hätten. Jeden Abend jubeln wir, jeder von seinem Balkon aus, für die mutigen Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte, und für all die Menschen, die in dieser krassen Zeit ihr Leben für andere riskieren.

“Ich wette mit Euch, dass Gio das Meeting vergessen hat. Er ist garantiert noch in irgend einem seiner Wälzer vertieft.”, sagt Santi.

“…und Theo wie immer spät dran. Vorhin war sie noch in der Plattensammlung versunken, die Du ihr in ihrem Zimmer gelassen hast, Juli. Dabei war sie diejenige, die am meisten darauf bestanden hat, dass wir uns heute alle mit Dir auf dem Dach treffen.”, fügt Lily mit leicht genervter Stimme hinzu. Unsere Augen treffen sich kurz, doch dann weicht ihr Blick mir aus. Flink greift sie nach einem der Säfte, gießt den Inhalt in unsere Gläser und stößt mit uns in der Luft auf unsere Gesundheit an. Ganz klar, ein Ablenkungsmanöver. Lily ist offenbar noch immer nicht bereit dazu ist, mir den Grund des Treffens zu verraten. 

“Coroooona!”, schreit Santi laut und lehnt sich mit seinem Glas über die Mauer der Dachterrasse. Kurzzeitig bekomme ich Angst, dass er das Gleichgewicht verliert und hinunter stürzt, aber zum Glück passiert nichts.

Ein kurzes, dumpfes Poltern lässt mich aufschrecken. Wie aus dem Nichts steht Gio plötzlich vor uns, ich habe ihn überhaupt nicht kommen hören. Er hatte seinen Roman aus Versehen fallen lassen; nun er bückt sich, um ihn aufzuheben.

“Ich sehe, die Party hat ohne mich begonnen!”, sagt er und grinst. Dann sucht er sich einen freien Platz auf der Sitzcouch, setzt sich langsam und legt sein Buch neben sich ab. Mir kommt währenddessen die Schildkröte Morla der unendlichen Geschichte in den Sinn. Danach streicht er noch ein paar Mal mit der Handfläche sanft über das Cover. Mit leicht ausgestrecktem Oberkörper lese ich den Titel: Krieg und Frieden. Ganz schön heavy, denke ich und bemerke im selben Moment, wie Lily ihm verstohlene Blicke zuwirft. Sie öffnet ihren Mund, als wolle sie irgendetwas sagen, stattdessen schaut sie wieder zur Seite und errötet leicht. Unterdessen dreht Santi sich zu seinem Kumpel Gio, legt ganz unvermittelt den Kopf in den Nacken und reißt seinen Mund weit auf. Ein übertrieben lautes “Haaaatschi” folgt. “Attacke der Coro-Viren!”, ruft er kurz darauf mit schallender Stimme und niest erneut voller Inbrunst, während sich einen Augenblick später abertausende Tröpfchen auf Gios Gesicht und Körper niederlassen. 

“Igitt,” schreit Letzterer reflexartig. Doch braucht es nicht lange, bis wir alle begreifen, dass Santi mit einem Wassersprüher für Blumen nachgeholfen hat, da die Menge der Spritzer in der Tat beträchtlich ist. Während Santi sich über seinen Scherz amüsiert und Gio, der seinen Freund natürlich nicht hängen lassen will, kurz darauf mit einstimmt, verfinstert sich Lilys Miene zusehends. Wäre ihr Gemütszustand Teil eines Films, gäbe es an dieser Stelle wohl einen sprunghaften Szenenwechsel im Geschehen, als wandle sich das verträumte Auenland mit seinen sattgrünen Wiesen schlagartig ins düstere, kahle Mordor um. 

“Wie könnt Ihr nur so geschmacklos sein?”, faucht Lily Santi angewidert an. Ihre Gestalt lässt mich an die einer schwarzen Raubkatze mit leuchtend blauen Augen erinnern, die ihre Jungen verteidigt. Ihre Jungen, das sind in diesem Falle all diejenigen, die ihr Leben wegen Covid-19 lassen mussten, all diejenigen, die sich dem Kampf dieser neuen Krankheit stellen, all diejenigen, die ihr Leben für die Erkrankten riskieren, um sie zu retten. Die beiden Jungs verstummen mit einem Male. Den Blick auf mich gerichtet, greift sich Lily schweigend ihr Glas und geht zur Terrassenmauer hinüber. Ein stiller Vorwurf steht ihr ins Gesicht geschrieben. Ich folge ihr und stelle mich mit dem nötigen Abstand neben sie.

“Es sind doch nur verspielte Jungs. Nimm sie nicht so ernst.”, versuche ich sie zu besänftigen. Sie schenkt mir ein leichtes Lächeln, das jedoch aufgesetzt wirkt; dabei verdreht sie, kaum sichtbar, die Augen und zieht ihre Augenbrauen in die Höhe. Im Grunde weiß ich, dass es sinnlos ist bei Lily Euphemismen zu benutzen.

Einen Augenblick später beginnen die Jungs sich über die neuen Dinge auszutauschen, die sie in ihrem Exil entdeckt haben. Santi kann sich nicht entscheiden, ob der US-Präsident in der hiesigen Welt einen Wischmopp oder ein Meerschweinchen auf dem Kopf trägt und Gio findet Bill Clintons Affäre gegenüber den Skandalen des Präsidenten hier Kleinkram.

Ich stutze, wundere mich kurz darüber, wie es Santi und Gio nur möglich war, bereits so Vieles über Trump zu wissen, da sie in der Wohnung weder über Internet verfügen, noch elektronische Geräte jeglicher Art besitzen. Doch dann fällt mir ein, dass die beiden natürlich spanisch sprechen und diese ganzen Informationen mit Sicherheit aus dem spanischen Fernsehen erfahren haben. Ja, das klingt logisch.

Nachdem ich mich wieder in meine Sitzecke fallen gelassen habe, hole ich geschwind die Weißweinflasche und das Glas aus meinem Versteck hervor und gieße mir so diskret wie möglich ein Schlückchen ein. Selbstverständlich möchte ich die Truppe nicht zum Alkoholgenuss verleiten, denn in den Staaten sind sie dafür noch nicht alt genug. 

Gio redet ununterbrochen von “diesen flachen Fernsehern” und fragt sich, wie die ganze Elektronik Platz darin findet; Santi schwärmt von den spanischen Spezialitäten, der mallorquinischen Art Pizza, genannt “Coca”, bis hin zur Tortilla, die er jeden Tag essen könnte und macht sich über die winzigen Milch- und Safttüten lustig. In den Staaten seien sie dreimal so groß! Dann fällt Gio ihm wieder ins Wort und spricht von den unendlich vielen Serien auf diesen neuartigen Portalen wie Netflix, die er als “einfach genial” bezeichnet, und schließlich fällt das Thema auf die “Minicomputer”, wie Santi sie bezeichnet, worauf jeder hier apathisch starrt oder herumtippt, wenn man vom Fenster aus in die engen Gassen blickt oder neuere Filme bzw. Serien sieht. 

“Hombre, das sind Zweitgehirne!”, sagt Gio mit überzeugter Stimme. “Die Menschen brauchen ihre Köpfe scheinbar gar nicht mehr einzuschalten, sie brauchen für nichts mehr zu pauken, können alles nachschlagen, alles mit diesen Teilen anstellen. Und ich dachte, das Nokia 6110 wäre die Entdeckung schlechthin!”

Oh, wie recht Gio mit seiner Beobachtung hat, würde ich am Liebsten an dieser Stelle hineinrufen. Wenn Ihr wüsstet, welche Bedeutung dem sogenannten Smartphone gegenwärtig zugeschrieben wird, wie wir Menschen wie hypnotisierte Zombies an diesem Ding kleben, egal wo wir uns gerade befinden, auf der Straße, in der U-Bahn, im Bett. Bei jedem Pieps, bei jedem Vibrieren zucken wir zusammen, zotteln es aus unseren Taschen und starren drauf, swipen, tippen und tippen noch mehr. 

Oh, wenn Ihr wüsstet, wie tolle, leidenschaftliche Unterhaltungen, Interaktionen, Diskussionen plötzlich von diesem Gerät unterbrochen, abgeebbt, oder gar kaputt gemacht werden, wieviel Zeit man Tag und Nacht mit ihnen im Internet verbringt, als gäbe es die Wirklichkeit um uns herum nicht. 

Wenn Ihr nur wüsstet.

Mir ist durchaus bewusst, dass die Vier, die in ihrer Realität das Jahr 1998 schreiben, sich bereits mit dem Internet vertraut gemacht haben. Während meiner Recherchen zu meinem Roman versuchte ich mich zurück zu erinnern, wie es damals war. Damals, als man sich noch mit einem Modem ins Internet einwählen musste, damals, als das Chatten begann. Meine Freundin Steffi chattete immer von Fairbanks aus mit ihrem türkischen Freund, und ich entsann mich plötzlich, wie schrecklich ich diese Kommunikationsform in jener Zeit schon fand. Heute hingegen ist sie vom alltäglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Ein Glück wissen meine Figuren davon noch nicht allzu viel.

Einen kurzen Augenblick lang überlege ich, wie denn gleich die damaligen Giganten hießen, die irgendwann von noch größeren verschluckt wurden. Achja: Yahoo und AOL. Heutzutage sind es nur noch flüchtige Namen aus der Vergangenheit. 

Trotz meiner gedanklichen Abschweifungen entgeht mir Theos lautes Summen und Pfeifen nicht, das unten im Dachboden widerhallt. Ich versuche zu erraten, welche Melodie sie trällert und komme schließlich drauf: “Sweet Dreams” von Eurythmics. 

Betont lässig schlendert sie einen Moment später auf uns zu. Erneut kämpfe ich mit dem Bedürfnis, von meinem Platz aufzuspringen, um diesmal Theo in die Arme zu schließen. Mir fällt auf, dass irgendetwas an ihrem Hals baumelt, welches die Form eines Schlüssels hat. 

“Entschuldigt, ich hab’ die Zeit vergessen.“, sagt Theo und lächelt ein wenig gequält, während sie neben Gio in der letzten, freien Ecke auf der bequemen Liegecouch Platz nimmt. 

“Juls, Deine Platten sind echt spitze, muss ich zugeben!”, raunt sie mir mit ihrer tiefen Stimme zu. “Wirklich gut, vor allem ein gutes Ablenkungsmanöver.”, sagt sie weiter,  während sie sich Saft in ihr Glas gießt. Ich stutze. Einen kurzen Moment lang schaut sie mir dabei tief in die Augen und ich fühle mich plötzlich, als säße ich inmitten einer Gruppe von Verdächtigen in einem Poirot-Film und würde an dieser Stelle als Mörderin entlarvt werden. Als Theo ihren Blick in die Runde schweifen lässt, rutscht sie plötzlich mit der Öffnung des Tetra Packs am Glasrand ab, sodass sich das Glas und dessen Inhalt auf dem Tisch breitmachen. Die anderen können sich ein Kichern nicht verkneifen. Hastig hole ich ein paar Servietten hervor, die Theo und ich flink in die Saftpfütze tunken. 

“Sorry, das passiert mir immer, wenn ich nervös bin.” Sie seufzt tief. 

“Was soll’s, ich sprech’s gleich an. Sonst reden wir nur um den heißen Brei herum. 

… Juls… was wird hier eigentlich gespielt?”, fragt sie mich beim Wegwischen des Saftes und blickt mich erneut mit ihren grünen Augen forschend an. 

“Wo ist Suzanne? Sag’ uns, was mit ihr los ist! Wie lange müssen wir hier noch ausharren? …  Wir wollen alle wieder zurück, zurück in unsere Welt, zurück nach Hause!”

Erschrocken über ihre Direktheit breche ich das Saubermachen ab und lasse mich langsam wieder auf der Couch nieder. 

“Und wenn das nicht sehr zeitnah geschieht, finden wir einen anderen Weg in unsere Welt zurück!”, fährt sie mit bebender Stimme fort. “Wenn’s sein muss, auch mit einem anderen Autor, wer weiß.”

Mein Blick bleibt an den verbliebenen Safttropfen haften, die sich zielstrebig den Weg vom Tisch zum Terrassenboden hinunter bahnen. Theos Worte durchfahren mich wie ein Blitzschlag; ihre Geradlinigkeit überrascht mich immer wieder aufs Neue. Ich bekomme keinen Ton heraus, womöglich macht sich gerade tatsächlich ein dicker, grüner Frosch in meinem Hals breit;… meine Gliedmaßen fühlen sich an wie Blei, ich kann mich nicht bewegen. 

“Das klang jetzt tatsächlich wie eine Drohung, so derb wollte ich das eigentlich nicht ausdrücken, … aber es musste einfach raus, sorry!” Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie sich Theo nervös ihre Locken hinter die Ohren klemmt. Dem Rest der Gang hat es wohl auch die Sprache verschlagen. Verdammt, mach Dich vom Acker, Frosch. …“Ich, ich werd’s Euch erklären, ich….”, stammele ich und reibe mir den Schweiß von meinen Händen an den Oberschenkeln ab.

“Warum denn so ernst, Tschaika?” Lily ist’s, die mir schließlich aus der Patsche hilft, indem sie die unbequeme Stille durchbricht und ihre Schüssel in ihren Schoss stellt. “Lasst uns den Abend doch erst einmal angenehm beginnen, den Ausblick genießen und die Leckerbissen hier auf dem Tisch kosten! Was haltet Ihr davon? Danach können wir immer noch die Probleme wälzen.” Santi, der bereits damit begonnen hat, mehrere Oliven gleichzeitig in seinen Mund zu stopfen, nickt ihr zustimmend zu; Gio schaut in die Ferne, als hoffte er, von hier aus das Meer entdecken zu können und Theo murmelt undeutlich so etwas wie: ”Irgendeiner … Klartext … sprechen … Jaja, schon gut.”

“Was hast Du da eigentlich um Deinen Hals gebunden?”, fragt Gio nach einer kurzen Pause, den Blick nun auf Theo gerichtet.

“Ach das, keine Ahnung, was das sein soll. Das habe ich vorhin in der Schlafzimmerkommode in einer Schublade gefunden.”, antwortet Theo. Danach zieht sie geschwind die Kette von ihrem Hals und hält sie den anderen vor die Nase. Ihre weit aufgerissenen Augen funkeln jetzt vor Begeisterung, wie die einer berühmten Entdeckerin, die soeben auf einen einzigartigen Schatz gestoßen ist. Sowohl ihre rotbraunen Haare als auch ihre zahlreichen Sommersprossen kommen im Abendrot des Himmels noch mehr zur Geltung. 

Nach und nach löse ich mich aus meiner Schockstarre. Natürlich kann ich den Gegenstand ausmachen: Es ist ein USB-Stick. Ich bin froh darüber, dass dieser nun die Aufmerksamkeit auf sich zieht und ich schmunzle in mich hinein, da mir bewusst wird, was sich tatsächlich alles innerhalb von 20 Jahren verändert hat. Doch lasse ich die Jugend aus der Vergangenheit noch im Dunkeln tappen, da es mich einerseits amüsiert, andererseits auch neugierig macht, was sie darüber denkt. Gio und Santi beugen sich ein Stückchen vor, aber nur so weit, dass sie die Abstandsregeln nicht brechen, um das funkelnde Metallteil zu begutachten. 

“Das ist wahrscheinlich der Schlüssel zu einem verborgenem Safe, der sich irgendwo in Deiner Wohnung befindet.”, sagt Gio und lacht.

“Nee, noch besser: Vielleicht hat der Vormieter beim spanischen Geheimdienst gearbeitet, etwas immens Wichtiges aufgedeckt, – eine Staatsaffäre oder so – , alles auf diesem Ding da gespeichert und daraufhin in der Kommode versteckt,… um es dann letztendlich in genau dieser Schublade zu vergessen!”, ergänzt Santi, worauf Gio ihm zuprostet. Beide lachen los.

“Wie soll man denn darauf etwas speichern können? Das Teil ist doch winzig!”, wundert sich Lily und schiebt sich ernst ihre schwarze Brille die Nase hoch.

“Santi hat nicht ganz unrecht!”, greife ich ein, löse schließlich das Rätsel auf und erkläre ihnen den Nutzen dieses Gerätes. “Allerdings ist diese Art von Datenaustausch mittlerweile auch schon wieder veraltet.”, gebe ich am Ende zu.

Nachdem ein paar Worte der allgemeinen Bewunderung zum Fortschritt der Technik im 21. Jahrhundert ausgesprochen wurden, kommt natürlich irgendwann das Thema High School auf. Während die männlichen Kandidaten in der Runde feiern, dass gerade keine Schule ist, äußern sich die beiden jungen Damen eher besorgt darüber, dass sie womöglich allerlei Stoff versäumen, den sie nach ihrer Rückkehr aufholen müssen. Wie nicht anders zu erwarten, stoßen sie bei den Jungs damit auf Unverständnis, es fallen Begriffe wie Streberlieschen und dergleichen, und im Anschluss daran versucht sich Santi im Rappen: 

“Keine Hausaufgaben,… kein Nachsitzen, ….. keine nervigen Lehrer, kein Gestank aus der Kantine,… alright alright alright und das Coolste überhaupt … kein verfluchter, schrillend lauter Wecker! Salud!”

Klasse, Santi!”, sagt Theo daraufhin stirnrunzelnd und mit sarkastischem Unterton. “Auf Post von JAY-Z oder Ice Cube würde ich an deiner Stelle aber nicht warten … Apropo Essensgeruch!”, fährt sie fort, ”Vorhin habe ich diese mallorquinische Wurst, Sobrasada, oder wie sie gleich heißt, probiert. Die ist wirklich ultralecker, müsst Ihr mal kosten! ….Jedenfalls hatte ich dabei einen Hammer Flashback, das war echt abgefahren! Es war, als säße ich tatsächlich gerade im muffigen Wohnzimmer meiner Berliner Oma und äße Teewurstbrote! Kennt Ihr Teewurst?” Ohne die Antwort der anderen abzuwarten, redet sie mit leuchtenden Augen weiter. Ihre strengen Gesichtszüge von zuvor sind wie weggeblasen. “Genau daran erinnert mich diese Wurst hier auf Mallorca!” 

“Da hattest Du wohl eine Art Proust-Effekt, Tschaika!”, wirft Gio ein. “Einen Madeleine-Effekt, um noch präziser zu sein.” Die anderen starren ihn an, als hätte er gerade verkündet, Quadrate seien rund.

“Habt Ihr etwa noch nie von Marcel Proust gehört?” Da niemand der anderen Drei darauf reagiert, schüttelt er nur den Kopf und schaut mich vorwurfsvoll an.                                                                                                 

“Hättest Du diesen “Literaturbanausen” hier nicht auch wenigstens ein kleines Bisschen Allgemeinbildung mitgeben können?”

Plötzlich fliegen mehrere Oliven über den Tisch, die mitten in Gios Gesicht landen. Selbstverständlich lässt Theo so etwas nicht auf sich sitzen.

“Auuuuuutsch!”, schreit Gio mehrmals theatralisch, dessen verzerrtes Gesicht ich sehr gern mit meinem I-Phone-Zeitraffer aufgefangen hätte. 

Lily und Santi lachen und klatschen, Theo grinst triumphierend und Gio, sein Kopf in beide Hände gestützt, schaut zunächst wie eine eingeschnappte Tomate drein, lässt sich einen Augenblick später jedoch von der guten Laune anstecken und stimmt schließlich mit ein.

Mit einem Male hält Theo inne, während das Gelächter der anderen langsam abklingt.

“Was wird nun mit uns geschehen, Juli?”, fragt sie mich schließlich im ernsten Ton, dabei stützt sie sich mit beiden Armen auf ihren Oberschenkeln ab.

“Hör mal, ich hasse Druck ausüben auf andere, aber….Wie kommt unsere Geschichte überhaupt voran, was ist mit Suzanne? Ihr ist etwas zugestoßen, das fühle ich!” Theo schaut auf den Boden und legt ihr Gesicht nun in beide Hände. 

“Langsam komme ich mir vor, wie in einem Gefängnis, oder ein bisschen so wie in dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier.” Die anderen geben ihr recht, denn jeder Tag kommt ihnen gleich vor.

Erneut verkrampft sich mein Körper, am liebsten würde ich meinen Kopf wie eine Schildkröte in meinem schützenden Panzer verkriechen. Nun muss ich meinen Figuren Rede und Antwort stehen. 

“Ja, wann beamst Du uns wieder zurück, Juls?”

“Ja, wie ist der Stand der Dinge?”

“Juli, ich stimme Theo zu, wir müssen wirklich zurück. Es steht so Einiges in unserer Welt auf dem Spiel, aber das weißt Du ja.

Ich räuspere mich. Meine Zunge fühlt sich an wie ein trockener Waschlappen im Mund.

“Ich weiß, es ist alles schwer zu verdauen. Ihr seid in der Zeit gereist und Ihr befindet Euch in der Zukunft, noch dazu extrem weit weg von Eurer vertrauten Umgebung, 8124 km Luftlinie, um genau zu sein. Es tut mir schrecklich leid, dass ich Euch davon fernhalte! …

Ich wünschte, ich könnte das ändern!”

“Warum kannst Du’s nicht?”

“Es ist kompliziert, Theo. Die ganze Covid-Situation …, ich bin gerade sehr eingespannt, wisst Ihr.” 

Ich schaue in die Gesichter meiner Figuren und lese in ihren Augen einerseits Nostalgie und Heimweh, andererseits auch Wut und Frustration.

“Ich kann mir gut vorstellen, wie Eure Gefühlslage sein muss. Glaubt mir! Ich kann mir auch gut vorstellen, was Ihr alles vermissen müsst: Eure Eltern, Eure Freunde … die West Valley High, Eure Abenteuer in der Wildnis, Eure Kanutouren auf dem Tanana!” Ich mache eine Pause. Mit einem Mal fängt Santi an zu lachen und blickt zu Gio hinüber: “Ey coño, willst Du nicht wieder mal mit den Bibern kuscheln?” Gio schaut Santi verdutzt an. “Weißt Du nicht mehr? Wie Du mitten auf dem Gold Creek Dein Paddel verloren hast und dann volle Kanne in einen Biberdamm geknallt bist? Der ganze Damm ist deinetwegen zusammengekracht!” Nun kichern auch die anderen, sie erinnern sich. Sie beginnen sich ihre Geschichten zu erzählen, ihre gemeinsamen Abenteuer, ihre Missgeschicke. Ist die eine Anekdote zu Ende erzählt, folgt gleich danach die nächste. Phrasen wie: “Das war der Hammer!, oder “ Ich habe mich bekringelt vor Lachen!”, fliegen über den ranzigen Couchtisch. Santi und Gio berichten nun von einer waghalsigen Kanutour, die sie fast das Leben gekostet hätte, da sie die Strömung des Nenana Rivers unterschätzt hatten. Anschließend erzählen Theo und Lily abwechselnd eine Anekdote von einer Hundeschlittenfahrt, die sie im letzten Winter bei eisigen Temperaturen in Alaskas Wildnis mit Freunden unternommen hatten: Es war bereits dunkel und sie waren auf dem Weg zu einer kleinen Holzhütte mitten im Wald, als plötzlich, kurz vorm Ziel, ein Schlitten gegen eine Wurzel prallte und sein Haltebügel sowie eine seiner Kufen zerbrachen. Während sie in der Finsternis den Schlitten reparierten, hörten sie die unheimlichsten Geräusche. Kälte drang in ihre Kleidung ein.

“Es war schrecklich!”, murmelt Lily. Ihre Augen sind weit aufgerissen und ihre Stirn krunkelt sich zusammen wie ein Akkordeon, scheinbar spielt sich alles noch einmal in ihrem Kopf ab. “Und danach, als Tosha und Willy nicht mehr konnten und wir sie ziehen mussten, habe ich ständig einen Bären hinter den Bäumen gesehen.” Beim Berichten hält sich Lily – noch immer ergriffen von diesem prägenden Erlebnis – die Hand vor dem Mund.

 Theo schmunzelt. “Ich kann mich noch gut an das Gefühl erinnern, als wir in der Cabin angekommen sind. Endlich ein wärmendes Feuer im Kamin, endlich einen Tee in der Hand; das war echt schön!”, erinnert sie sich und hält inne. “Ohne Suzanne wäre dieser Trip überhaupt nicht möglich gewesen.”, konstatiert sie. “Sie hat das alles organisiert für uns. Wir durften alle in ihrer Cabin bleiben!….Wer weiß, was gerade mit ihr passiert! Vielleicht braucht sie Hilfe!”

“Beruhig’ Dich, Tschaika, Suzanne ist garantiert nur einfach mal für ein paar Tage abgetaucht. Das steht ihr doch zu!”, sagt Gio.

“Mit vollem Kühlschrank und ohne die Katzen zu versorgen? Da stimmt doch was nicht!”

“Hört zu,”, sage ich nach einer kurzen Pause, “ich weiß, Ihr habt ‘ne Menge Fragen, und das alles ist kein Zuckerschlecken für Euch; trotz allem will ich ganz ehrlich mit Euch sein; ich will Euch keine Versprechungen machen.” Ich seufze. “Ich kann Euch nicht sagen, wie lange es dauert, bis Ihr wieder zurückkehren könnt. Wie Ihr wisst, habe ich eine kleine Tochter, um die ich mich in dieser Realität nun sehr intensiv kümmere, da die Schulen seit fast zwei Monaten geschlossen sind. Es ist extrem anstrengend, weil ich zuhause mit ihr ihre Schulaufgaben erledigen muss. Sie braucht dafür noch viel Unterstützung, versteht Ihr? … Gleichzeitig möchte ich Euch natürlich nicht im Stich lassen und weiter am Buch arbeiten. Nur scheitere ich dabei kläglich. Ich kann mich einfach nicht konzentrieren, weil alle fünf Minuten mein kleiner Spatz auf meinem Schoß landet und um Aufmerksamkeit bettelt.”

“Wir müssen unbedingt zurückkehren, Juli! Wegen Suzanne, verstehst Du!”, sagt Theo vehement, mit vorwurfsvoller Stimme. “Außerdem ist hier alles so fremd, warum ist es hier so verdammt eng, warum um himmels willen müssen die Spanier alles so dicht bebauen? Überall wo man hinschaut: Häuser, Kirchtürme, noch mehr Häuser!”

“Theo, Du brauchst …”, setze ich an, doch werde ich von Lily unterbrochen.

“So schützen sich die Spanier vor der Sommerhitze, Tschaika.”

“Jaja, Lily, die Frage war rhetorisch gemeint.”, antwortet Theo und rollt leicht mit den Augen. Zugleich schwingt sie ihren Saft kreisförmig, als hielte sie ein edles Glas Wein in der Hand, und ich stelle mir vor, wie Eiswürfel darin klimpern.

“Ich vermisse einfach den Blick in die Ferne,”, fährt Theo fort, “die Aussicht von einem Felsen der Angel Rocks ins nicht enden wollende, weite Tal. Man sieht nichts außer Schwarzfichten und Birken weit und breit, einen Weißkopfadler in der Luft, eventuell ein Moose weiter weg… Manchmal habe ich die Flussgabelung vor meinen Augen, an der der hellbraune, trübe Tanana und der klare, dunkelbraune Chena River ineinanderfließen, sich vermischen und eins werden. Coffee with milk, weißt Du noch, Lily? Wie wir uns damals an dieser Stelle immer über die Bootskante lehnten und das Wasser über unsere Händen fließen ließen?” Lily nickt und lächelt.  

“Dann taten wir so, als würden wir Milch zum Kaffee in unsere imaginären Tassen gießen.”, fährt Theo fort und seufzt. “Ich vermisse unsere Heimat, Juli. Außerdem mache ich mir einfach wahnsinnige Sorgen um Suzanne!”

“Du sagst es, Tschaika!”, wirft Santi ein, als ich erneut versuche zu antworten. Seine Stimme klingt dabei wieder wie die eines Rappers, und seine lässigen Armbewegungen verstärken dies noch mehr. “Mal abgesehen von Suzanne, Juls, ich bekomme hier einfach die Krise! Es ist zwar cool, dass wir keine Schule haben und so. Doch jetzt, wo wir schon mal in Spanien sind, können wir nicht einmal spanische chicas aufreißen! Außerdem gehen mir das Treppenhaus und die Dachterrasse langsam total auf den Kranz! Mittlerweile kenne ich jeden einzelnen Riss in den Wänden des Hausflures. Ich möchte endlich Spanien in der Zukunft kennenlernen, wenn wir schon mal das Vergnügen haben, hier zu sein. Juls, ich fürchte, Du musst wirklich etwas unternehmen, bevor wir hier alle die Wände hochgehen, und das kann man fast wortwörtlich nehmen. Entweder schickst Du uns dahin zurück, von wo wir herkommen, oder …. ich weiß auch nicht.”

Ich antworte nicht, mein Kopf schwirrt. Ich muss ihnen endlich sagen, dass …

“Juls, mach’ Dich nicht verrückt, so dramatisch ist es auch wieder nicht.”, wirft Gio ein und schlürft an seinem Bier. “Ich weiß, dass man fürs Schreiben vor allem einen freien Geist, Ruhe und viel Zeit braucht.”, fügt er fachmännisch hinzu und mir fällt auf, dass seine Worte ein verliebtes Lächeln auf Lilys sonst so ernster Miene zaubern. 

Natürlich! Wenn einer verstehen kann, was ich gerade durchmache, dann ist es Gio! Wer weiß, vielleicht hat er hier die Zeit genutzt, um sich selbst im Schreiben auszuprobieren. Das wäre ganz fantastisch!

“Warum schreibst Du dann nicht einfach abends? Dann hast Du wenigstens Deine Ruhe.”, reißt Santi mich aus meinen Gedanken.

Auf diesen Kommentar habe ich, ehrlich gesagt, gewartet und ich muss zugeben, dass mich diese “Sprüche” von Menschen, die null Kinder und null Schreiberfahrung haben, nach wie vor auf die Palme bringen. Ich überlege kurz, ob ich Santi nicht meinen Job anbieten sollte, Tochter, Haushalt, Ehemann, Kochen, Homeschooling etc. natürlich inklusive!

“Das habe ich natürlich schon probiert.”, antworte ich stattdessen mit forciert ruhiger Stimme, doch ich merke, wie sie trotzdem bebt. “Für Kurzgeschichten reicht meine Energie meist noch. Für meinen Roman, dagegen, brauche ich einen klaren, ausgeruhten Kopf und den habe ich abends leider nicht mehr, nachdem ich den Tag mit Kind am Rockzipfel, Lehrerin spielen, Allergiebekämpfung und den alltäglichen Pflichten hinter mich gebracht habe.”

Es herrscht allgemeines Schweigen, selbst Santi findet darauf scheinbar kein Gegenargument.

“Also, ich muss sagen, dass ich mich hier ganz wohl fühle.”, sagt Gio nach der leicht unbehaglichen Stille. “Ich hoffe natürlich auch, dass Suzanne nichts passiert ist … Ich kann mir aber auch vorstellen, dass sie einfach mal eine Auszeit braucht und daher abgetaucht ist. Man muss ja nicht immer allen bescheid sagen.”

Ich bemerke, wie Theo vehement den Kopf schüttelt. 

“Das würde sie nicht einfach so tun, das sieht Suzanne nicht ähnlich!”, sagt sie mehrmals hintereinander mit besorgter Miene und schaut mich danach fragend, fast fordernd an, als erwarte sie eine Antwort.

“Vielleicht denkt sie genau so wie ich jetzt!”, redet Gio weiter, als hätte er Theos Einwände überhört. “Endlich hat man mal Zeit! Zeit zum Nachdenken, zum Reflektieren, zum Lesen! Endlich braucht man sich keine Ausreden mehr einfallen lassen, warum man nicht mit zum Familientreffen kann oder die Matheaufgaben nicht gemacht hat. Man kann stundenlang in andere Welten tauchen, das ist doch fantastisch!”

“Ich wünschte, ich könnte mich auch so entspannt zurücklehnen wie Du, Gio!”, erwidert Lily.  “Nur quälen mich so viele Fragen!” Sie beugt sich mit ihrem Oberkörper vor und blickt zu mir. Sorgenfalten bedecken ihre Stirn und ich meine zu erkennen, wie sie versucht, ihre Gedanken zu sammeln.  

“Juli,”, beginnt sie erneut, nervös nimmt sie ihre Brille ab, setzt sie wieder auf und wiederholt das Ganze einige Male, “Ich, … ich wundere mich …! Wie ist das eigentlich: Dreht sich unsere Welt denn weiter, während wir hier – äh-  also in dieser Realität, sind, oder steht die Zeit bei uns still? Was passiert mit uns, wenn wir wieder heimkehren? Was ist los mit unserer Lehrerin? Was geschieht mit unserem Umfeld?”, rattert sie ihre Fragen mit leicht zittriger Stimme hinunter. “Juli, wir können hier nicht länger bleiben! Ich mache mir unheimliche Sorgen um die Ureinwohner in der Cristal Bay und um die gesamte Region in Südwest-Alaska! Wenn diese Aasgeier mit dem monströsen Vorhaben durchkommen, dann …!” Während sie sich durchs Haar streift, atmet sie langsam tief durch, vermutlich, um ihre innere Wut zu bremsen, dann schaut sie zu den anderen. “Ich stecke doch gerade in einem Projekt mit der NRDC, das die Einwohner in der Cristol Bay und all diejenigen, die nicht davon profitieren, vor einer riesigen Goldmine schützen soll.”, erinnert sie ihre drei Freunde. “Wenn es tatsächlich umgesetzt wird, bringt es die Nakneks um ihre größte Nahrungsquelle, den Rotlachs …, die Gewässer werden verseucht, und am Ende bleibt ein desaströses Loch in der Landschaft. Es geht um totale Destruktion, völlige Zerstörung! Ich muss zurück um zu helfen!”

“Ich weiss, ich weiss.”, bremse ich Lily ab, indem ich meine Hände mehrmals nach unten bewege.

“Du bist noch immer so Feuer und Flamme für Umweltthemen, das freut mich!” Ein wenig stolz blicke ich in ihre blauen Augen. Stolz darauf, solch eine tiefgründige Figur geschaffen zu haben. “Ich…”, möchte ich weiter sprechen, doch Theo kommt mir zuvor.

“Sag’ mal Juli, mir kommt da noch ein anderer Gedanke! Ich weiß ja, dass wir fiktiv sind, aber ist denn vielleicht irgend eine Person, die wir aus unserer Umgebung kennen, sei es ein Freund oder ein Verwandter, in irgendeiner Art real? Oder existieren wir alle tatsächlich nur in deinem Kopf?”

Offensichtlich hatte Theo ihrer Freundin zuvor nicht viel Gehör geschenkt, denn sie scheint mit anderen Dingen beschäftigt zu sein. Mein x-ter Ansatz zu einer Erklärung geht wieder nach hinten los. 

“Wenn meine Omi zum Beispiel tatsächlich existiert, würde ich sie jetzt wirklich sehr gern mal anrufen!” redet Theo weiter. “Und wenn sie auf wundersame Weise noch am Leben sein sollte und plötzlich ihre in ihrer Welt wahrscheinlich nicht existierende Enkelin aus der Vergangenheit an der Strippe hätte, dann… ”

“Dann würde sie wohl spätestens in diesem Moment ins Jenseits befördert werden!”, unterbricht Gio sie und zwinkert ihr zu. 

“Außerdem könntest Du sie wegen Corona im Moment sowieso nicht besuchen.”

“Juli, können wir nicht wenigstens einmal jemanden anrufen? Zu gern würde ich in Erfahrung bringen, wie es um die Cristal Bay steht, zu gern würde ich die Stimme meiner Eltern hören, ihnen sagen, dass alles ok ist!”, wirft Lily ein.

“Aber wie soll denn das gehen? Mit einem Raum-Zeit-Fiktionstelefon?”, fragt Gio mit sarkastischem Unterton. Lily wird rot.

“Ich verstehe Euren Wunsch, Euer Leben wieder zurückzubekommen, ich verstehe Eure Frustration, Eure Bedürfnisse, glaubt mir!”, sage ich und lasse langsam meinen Kopf sinken. 

Mit belegter Stimme erkläre ich der Gruppe, dass Theos Omi, sowie auch all die Personen, die sie in ihrer Welt kennen, zu meinem jetzigen Bedauern frei erfunden sind und sie leider niemanden aus ihrer Welt in dieser Welt kontaktieren können. Aufrichtig räume ich jedoch ein, dass ich mich durchaus von mir bekannten Personen habe inspirieren lassen. 

Danach schaue ich den Vieren nacheinander direkt ins Gesicht und entdecke vor allem Enttäuschung, besonders in Theos Gesicht. Das versetzt mir einen leichten Stich im Herzen. 

Die Abendsonne ist inzwischen gänzlich hinter den Dächern verschwunden. Erste Sterne tauchen am Himmel auf und die Schwalben kehren nun langsam in ihre Nester zurück. 

Ich zünde der Reihe nach die fünf Teelichter an. Nun könnte ich den Moment nutzen, sie endlich vollends aufzuklären. Doch habe ich jetzt Lust auf einen kleinen Trinkspruch. Ich erhebe mein Glas und sage: “Ich freue mich über Eure wundervolle Idee, uns hier oben auf dem Dach zu versammeln und zu diskutieren, trotz allem.“

“Gut, dass wir “trotz allem” alle noch unter einem Dach wohnen, oder Juls? Ich betone: noch!”, sagt Santi und prostet mir mit seinem Glas zu.

Natürlich verstehe ich, worauf Santi anspielt und stoße einen Seufzer aus.

“Trinken wir darauf, dass wir uns trotz Covid-19 nicht entgleiten. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie froh ich bin, dass Ihr noch immer bei mir seid!” , bis auf Theo stoßen wir alle symbolisch in der Luft miteinander an. Danach zückt Santi zwei Bierflaschen der Marke Corona aus seinem Stoffbeutel hervor, öffnet beide geübt lässig mit einem Feuerzeug und hält eine Flasche Gio hin. Wir Frauen verfolgen das Spektakel, Lily schüttelt den Kopf.

“Na Proust dann!”, ruft Gio, ein stumpfes “Bing” der Flaschen erklingt.

Die Beiden prusten los, sie freuen sich wie zwei 8-jährige Jungs, denen gerade ein erstklassiger Streich gelungen ist. Ihr Lachen verstärkt sich dabei wie ein Echo und mehrmals wischen sie sich Tränen mit ihren T-Shirts aus ihren Gesichtern. Schaum des Coronabieres schwappt aus den Flaschen, der mich kurzzeitig an die Gischt der Ostseewellen denken lässt, was mich etwas wehmütig macht.

“Wo habt Ihr überhaupt das Bier her?”, frage ich verdutzt. “Ihr sollt doch nicht raus!”

“Ein Nachbar war so nett.”, rattert Santi schnell zur Erklärung herunter und hält sich vor lauter Glucksen seinen Bauch. 

“Das ist mir jetzt echt zu doof!”, wirft Lily plötzlich mit bebender Stimme ein, ihre blauen Jaguaraugen funkeln erneut angriffslustig und ein wenig wehmütig zugleich. 

“Findet Ihr es etwa witzig, dass dieses unbekannte Virus die Menschheit in dieser Welt gerade in Angst und Schrecken versetzt?… Dass…,” sie stutzt und schluckt, “dass Schwer Erkrankte zur Zeit völlig isoliert sind, Familienmitglieder nicht Abschied nehmen können, wenn ihre Liebsten in Einsamkeit sterben, dass sich Familien und Freunde nicht sehen dürfen, dass ganze Schulen geschlossen sind? Dass…”

“Miss Earnest,”, unterbricht Santi sie, “wir wissen, was sich in dieser Welt gerade alles abspielt, das ist absolut finster, klar.” Danach schlägt er, genau wie Lily, seine Beine übereinander und fängt an, ihre Gewohnheiten zu imitieren. Mit übertrieben ernster Mine und spitzem Mund schiebt er seine imaginäre Brille mit dem Zeigefinger andauernd die Nase hoch. “Wir bitten vielmals um Verzeihung, dass wir versucht haben, ein bißchen Spaß zu haben und hoffen inständig, dass Sie uns unseren Fehltritt verzeihen, Gnädigste!”, ergänzt er im gekünstelten Ton. Ich kann Lily förmlich ansehen, dass sie alles dafür geben würde, Santi das Leinentuch, welches zum Schutz vor der gnadenlosen Sonne über uns hängt, über den Kopf zu werfen, wie über einen Käfig, in dem ein schreiender Papagei sitzt.

“Ich kippe Dir gleich dein Corona über den Kopf, wenn Du diese Sprüche nicht lässt!”, verteidigt Theo ihre Freundin und haut dabei mit der geballten Faust auf den Tisch. “Gibt es überhaupt irgendetwas in Deinem Leben, das Du jemals ernst genommen hast? Stell Dir bloß mal vor, Du kriegst keine Luft mehr und krepierst allein vor Dich hin! Es ist doch krass, dass Kinder in dieser Welt nicht mit anderen Kindern spielen können, dass sie ihre Großeltern nicht mehr umarmen dürfen, dass sich alle ständig die Hände waschen müssen. … Als ob ein Science Fiction Film wahr geworden ist.”, den letzten Teil murmelt sie schließlich eher zu selbst und lässt ihren Kopf sinken.

“Ja, wer weiß, vielleicht sind wir alle wegen einer größeren Mission hier!”, sagt Gio, der scheinbar nur Bruchstücke aufgeschnappt hat. “Genau wie in 12 Monkeys; nur, dass wir nicht in die Vergangenheit reisen, um aus dem Killervirus schlau zu werden, sondern, in die Zukunft!” Theo verdreht die Augen und hört nicht mehr auf das Gesagte, stattdessen schaut sie mich mit ihren stechend grünen Augen an. Ich deute ihr Starren als stille Aufforderung, ihnen endlich mehr über ihr Schicksal zu verraten. Erneut fällt ihr eine Locke ins Gesicht, die sie sich mit einer flinken Handbewegung aus der Stirn wischt. So sehr ich ihrer Bitte auch nachkommen möchte, so sehr sind mir die Hände gebunden! Ich darf ihnen nichts über ihre Zukunft verraten.

“Ab morgen gibt es übrigens erste Lockerungen.”, sage ich schließlich in die Runde und weiche Theos fordernden Blick aus. 

“Das hat die Regierung gestern verkündet, sie nennt es Phase 0. Wenn alles gut geht, sind wir  in ein – zwei Wochen in Phase 1, dann … “ Ich stutze. “Du kannst also ab morgen ein- bis zweimal am Tag für eine Stunde raus, joggen und Dich bewegen, Santi. … Ihr könnt zu zweit spazieren gehen, endlich das Meer sehen und die Meeresluft schnuppern. Nur um himmels willen nicht zu lang! Denn Ihr müsst schließlich zusammen bleiben, wenn Ihr wieder nach Hause wollt … .” Ich hole Luft. 

Meine Figuren starren mich überrascht mit großen Augen an. 

“Das sind ja Neuigkeiten! …”, murmelt Lily schließlich. 

“Krass, echt …”, flüstert Gio zur selben Zeit.

Theo schaut kopfschüttelnd auf den Boden. 

“Beachtet aber bitte wirklich die vorgegebenen Zeiten!”, füge ich hinzu. “Und setzt Euch Masken auf! Stress mit der Polizei auf der Insel wäre für uns alle jetzt das Letzte, was wir gebrauchen können.”

“Das wäre die Schlagzeile schlechthin: Nichteinhalten der Ausgangssperre. Fiktive Figuren aus dem Roman einer deutschen Autorin landen im Knast!”, sagt Santi und mimt einen Zeitungsleser nach, der die Zeitung umblättert, er ist der Erste, der seine Sprache gänzlich wiederfindet.

Die anderen schweigen. Es herrscht eine beklemmende, unbehagliche Stille und ich spüre den Drang mich zu bewegen. Ruckartig stehe ich auf, springe fast, und kehre meinen Figuren kurzzeitig den Rücken zu. Nachdem ich mich wieder zu ihnen gedreht hatte, blicke ich direkt in Theos funkelnde Augen, die irgendetwas verbergen. Ich bemerke, wie Santi sich gerade mit seinem Oberkörper zu den anderen beugt, als wolle er ihnen etwas sagen. Mein Kopf beginnt zu rattern, meine Gedanken überschlagen sich. 

Oh nein, bitte nicht! … Nur zu gut kann ich mir vorstellen, was er jetzt vorhat, denn letztendlich bin ich diejenige, die ihn geschaffen hat. Das Verlangen, seine Eltern wiedersehen zu wollen, dürfte bei ihm weniger groß sein. Auch in Fairbanks ist er es gewohnt, sie für einen längeren Zeitraum nicht zu sehen, da beide beruflich viel unterwegs sind. Also würde er versuchen seine Freunde zum Bleiben zu überreden. Er würde ihnen sagen, wie abgefahren es doch wäre, diese Welt, im Jahre 2020!, außerhalb dieses “abgefrackten” Gebäudes, das er im Übrigen echt nicht mehr sehen kann, zu erkunden. Er würde ihnen sagen, wie sehr er darauf brennt, die neuesten Handys auszuprobieren. Er würde Theo fragen, wie es wäre, die Musikszene in der Zukunft zu entdecken, neuen Klängen zu lauschen, neue Formate kennen zu lernen?

Er würde Gio fragen, wie es wäre, ein paar Autoren in dieser Welt “auszuchecken”? Ganz sicher gäbe es ja auch ein paar attraktive weibliche darunter, würde er lachend hinzufügen und im Anschluss daran einen Fußtritt von Theo und – oder Lily einkassieren.

Er würde Lily fragen, wie es wäre zu erfahren, welche Umweltprojekte hier so liefen, wie es hier um die Minderheiten denn stünde. … 

Doch würde er dies auch offenkundig in meiner Anwesenheit tun? …  

Damit es gar nicht erst soweit kommt, ziehe ich die Notbremse. Gerade als er zu sprechen ansetzt, schlängle ich mich an der Tischkante vorbei bis zu meinem Platz, täusche dabei ein leichtes Gleichgewichtsproblem vor und stoße an den Tisch, dass zum Umfallen von Santis Coronaflasche führt, sodass der Inhalt sowohl auf den Tisch als auch auf seinen Schoß kullert. Ich blicke mich um und hoffe, dass niemand meine kleine Show beobachtet hat, doch Theo schaut mich von der Seite leicht schmunzelnd an. Allerdings sagt sie nichts, zum Glück. Mir entgeht nicht, wie Santi sich das Fluchen verkneift.

“Oh, wie dumm von mir, es tut mir leid!”, rufe ich mehrmals, inzwischen wieder sitzend, um das Ablenkungsmanöver aufrecht zu erhalten und keinen anderen zu Wort kommen zu lassen. Zu viel stünde auf dem Spiel, wenn Santi sie jetzt davon überzeugt, die Wirklichkeit zu erobern. Zu viel würde ins Wanken geraten, wenn meine Figuren zu viel Freiheit hätten. Sie dürfen mir nicht entgleiten; sie dürfen nicht zu lange in dieser Realität verweilen! Was ist, wenn eine(r) von ihnen Gefallen am hiesigen Leben findet, wenn sie in Phase 1 oder 2 nicht mehr in ihre Wohnungen kommen? Was ist, wenn einige unter ihnen die Insel erkunden, illegale Partys feiern, sich womöglich noch verlieben und am Ende nicht mehr in ihre Welt zurückkehren wollen?

Und was ist, wenn Theo tatsächlich nach einer anderen Autorin bzw. nach einem anderen Autor Ausschau hält, wie sie es anfangs angedeutet hat? Was ist, wenn sie das Vertrauen in mich verloren hat die Geschichte fertig zu schreiben; wenn sie die anderen nun aufmuntern will, die Carrer de Can Marti Feliu zu verlassen, um einen Weg zurück in ihre Welt zu finden? … Nein. Das würde sie nicht so ohne Weiteres tun. Nichtsdestotrotz, ich muss einfach ein bisschen Zeit schinden, dass keine derartigen Gedanken unter ihnen ausgetauscht werden können. Ich muss das Thema auf etwas anderes lenken, noch mehr Drinks kann ich nicht umkippen, das wäre verdächtig. 

Mit einem Male höre ich das Jubeln und Klatschen von den Straßen. 20:00, der Applaus für die Helden der Krise. Perfektes Timing! Jetzt sind es die Vier, die allesamt aufspringen, sie lehnen sich über die Terrassenmauer und klatschen heftig mit. Erleichtert folge ich ihnen. Gio pfeift mit seinen Fingern im Mund; Santi springt von einem Ort zum anderen und schreit mehrmals hintereinander: “Viva la vida, alegre y divertida!” Melodische Housemusik ertönt plötzlich aus einem Fenster und ich beobachte wie Theo und Lily mit hochgestreckten Armen zu tanzen beginnen. Jubelnd winken sie den Nachbarn zu: einem jüngeren Paar gegenüber, das auf einem kleinen Balkon tanzt, einer alten Frau, die aus dem Fenster schaut und sich vermutlich fragt, ob dieser Krach tatsächlich für die mutigen Ärzte und dem Pflegepersonal gedacht ist oder mittlerweile einfach zum abendlichen Unterhaltungsprogramm gehört. Was auch immer es bedeutet, ihr scheint es zu gefallen. Wahrscheinlich ist es für sie in diesen Zeiten ein winziger Lichtblick in dieser täglichen, kläglichen Monotonie. 

Auch die Glocken des nahestehenden Kirchturmes setzen mit ein, es entsteht eine interessante Mischung aus Glockenspiel und Housemusik. Für einen kurzen Moment sind alle Sorgen, alle Ängste vergessen. Wir lassen uns von der Euphorie mitreißen und tanzen mit lachenden Gesichtern, den Abstand dabei zu halten ist schwer, aber wir tun es. 

Als der Rausch allmählich abgeklungen ist, fallen wir wieder auf die Matratzen nieder.

 Ein wenig außer Atem trinke ich einen Schluck Wein.

“So Juli, nun sind wir an dem Punkt angelangt, wo wir wirklich nicht mehr um den heißen Brei reden wollen!”, höre ich Theo auf einmal sagen. “Bitte sprich endlich Klartext mit uns! Ich kann hier nicht mehr tatenlos rumsitzen, während bei uns zu Hause alles Kopf steht!”

“Also gut.”, murmele ich, ich hole ich tief Luft und reibe mir die leichte Schweißschicht von der Stirn. 

“Erst einmal kann ich Euch alle beruhigen.”, sage ich mit Nachdruck.  

“Ich wollte Euch das zwischendurch schon längst gesagt haben, nur ging das Gespräch jedes Mal in eine andere Richtung. … Solange ich den Stift nicht wieder in die Hand nehme, bzw. meine Tastatur stehen bleibt, und Ihr, das ist überaus wichtig, zusammen bleibt, wird nichts passieren. Wenn Ihr wieder zurück seid, knüpft Ihr dort an, wo Ihr aufgehört habt. Ihr werdet Euch wahrscheinlich, das kann ich nicht mit Sicherheit sagen …” 

“Das hättest Du in der Tat ruhig schon mal erwähnen können! Das ist schließlich kein unwichtiges Detail!”, ruft Lily empört. 

“Das hatte ich ja auch vor! Jedes Mal, wenn ich loslegen wollte, wurde ich …”

“Kannst Du uns wenigstens ein paar Hinweise geben, wie wir Suzanne finden können?”, fällt Theo mir wieder einmal ins Wort. “Warum ist sie aufgebrochen? Und dann dieser dunkle Wagen vor ihrem Haus! … Waren das Leute, die ihr was antun wollten? Jetzt kannst Du es uns doch sagen, Juli. Jetzt, wo wir alle hier feststecken und sowieso nichts bewirken können. … Und dieses alte Foto, auf dem auf der Rückseite das Jahr 1897 draufsteht… Ist das wirklich meine richtige Mutter auf dem Bild, wie Suzanne behauptet hat? Wenn das stimmt, dann…?”

“Womöglich werdet Ihr Euch an nichts, was hier geschieht und gesagt wird, erinnern können, Theo.”, unterbreche ich sie jetzt. Vier weit aufgerissene Augenpaare starren mich erneut unglaubwürdig an. 

“Wir werden uns an nichts erinnern können? …”,  stammelt Lily noch einmal, während Theo wieder einmal fassungslos mit dem Kopf schüttelt.

“Das kann ich Euch im Augenblick nicht genau sagen. Ich denke nicht, allenfalls ist Euer Unterbewusstsein von Eurem Zwischenstopp beeinflusst. Was ich allerdings mit Sicherheit sagen kann, ist, dass ich nichts von der Handlung, von Eurer Zukunft im Roman preisgeben darf; das verstößt gegen die Regeln und würde höchstwahrscheinlich sämtliche Handlungsstränge durcheinander rütteln, falls Ihr Euch doch an etwas erinnert.” 

Nicht ohne Schuldgefühle vernehme ich Theos Seufzer, ich halte kurz inne und überlege, wie ich es ihnen am besten erklären soll. 

“Wir können das vielleicht umgehen, Leute!”, ruft Gio in diesem Moment  mit hochgehaltenem Zeigefinger in die Runde. “Wie wär’s, wenn wir alle beginnen, Tagebuch zu schreiben und die gefüllten Seiten jeden Abend in unseren Klamotten verstauen?! Wer weiß, möglicherweise finden wir sie dann wieder, wenn wir zurück sind.”

“Die Idee finde ich super! Wir können’s versuchen.”, antwortet Lily mit geröteten Wangen. 

“Oh wunderbar, lasst uns alle Tagebuch schreiben!”, sagt Santi mit ironisch hoher Stimme und tut so, als ob er sich mit einem Fächer Luft zu wedelt. 

“Das ist Weiberkram und nix für Kerle, chaval!”, fügt er danach in betont rauher, maskuliner Stimme hinzu.

“Wenigstens die Frage meiner leiblichen Mutter kannst Du mir doch beantworten, oder Juls?”, fragt Theo, die von den Kommentaren ihrer Freunde scheinbar nichts mitbekommen hat. Ihre Stimme klingt wackelig und flehend.

“Theo, ich weiß, “ sage ich im mitfühlenden Ton, “diese Fragen zermürben Dich, doch die Antworten werden kommen, glaube mir! Wenn die Pandemie vorbei ist und meine Tochter wieder zur Schule geht, mache ich mich wieder ans Werk! Hab’ noch etwas Geduld, ich bitte Dich! … Ihr kennt doch alle den Film Zurück in die Zukunft?”

Gio und Santi schauen sich unvermittelt an. Anstatt zu antworten, rufen sie nur: “Straßen? Wo wir hinfahren, brauchen wir keine Straßen!” Anschließend zwitschern sie abwechselnd die Zeile: “That’s the power of Love” rauf und runter, während Theo in die Ferne blickt. 

“So etwas in der Art widerfährt Euch ja auch gerade irgendwie.”, versuche ich meinen Gedanken zu Ende zu führen. “Wisst Ihr noch, wie Doc zu Marty sagt, er solle so wenig wie möglich während seiner Reise in die Vergangenheit oder Zukunft verändern, weil es sonst verheerende Auswirkungen hätte?”

Lily nickt, Gio und Santi trällern noch immer und Theo schweigt.

“Der Film ist einfach klasse! Wir verstehen, worauf Du hinauswillst. Juls”, sagt Gio. “Hey, wie wär’s, wenn wir eine Filmnacht veranstalten?” Gepackt von seiner Idee springt er begeistert auf und zeigt mit seinem Finger auf die Hofseite.

“Wir haben doch eine riesige, weiße Wand dort drüben! Da werfen wir den Film mithilfe eines Beamers heran! So haben wir alle etwas davon und wir müssen doch immens nachholen und die Chance nutzen, dass wir in der Zukunft sind. Es gibt unendlich viele Filme, die ich gerne sehen möchte. Den neuen Bladerunner, die Matrix Reihe, den ersten Teil habe ich gestern begonnen. Er ist der Hammer, Leute, so etwas habt Ihr noch nicht gesehen!”

Während Gio noch weitere Filme aufzählt, merke ich, dass es für mich an der Zeit ist, das stille Örtchen aufzusuchen. Ich gebe ihnen zu verstehen, dass ich für einen Moment nach unten verschwinde und im Anschluss wieder aufs Dach komme. Die anderen nicken nur.

“Verdammt nochmal!”, fluche ich eine halbe Stunde später ohne Unterlass. Es waren doch keine 15 Minuten, die ich weg war. Erneut hetze ich durchs dunkle Treppenhaus und schaue in jeden Winkel, ob ich sie vielleicht doch noch finde und es sich alles schlichtweg als einer ihrer Scherze entpuppt. Zum Versteckspielen halte ich sie jedoch eigentlich für zu alt! Wie eine Furie renne ich das inzwischen schon zweite Mal durch die Wohnung der Jungs, und anschließend durch die der Mädchen, in der Hoffnung sie endlich anzutreffen. Andauernd rufe ich ihre Namen, obwohl ich im Innern bereits weiß, dass es sinnlos ist. Kurzerhand schnappe ich mir Desinfektionsgel, Gesichtsmaske und einen Einkaufsbeutel aus meiner Wohnung, als Alibi für die Guardia Civil, rase durch das Treppenhaus, dann durch unsere Straße und suche schließlich sämtliche Gassen in der näheren Umgebung ab, nichts. 

Ich hätte es wissen müssen. … Theo ist mir immer einen Schritt voraus. 

Sie sind mir allesamt entglitten, ich hätte es wissen müssen …

Autorin: Juliane Pons

April 2020

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       

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