Unterhaltung mit meinen Romanfiguren in Zeiten von Covid-19

Mein Herz hüpft wie ein zappelnder Fisch im Netz, als ich unsere Dachterrasse betrete. Am anderen Ende erblicke ich Lily, die gerade die unterschiedlichsten Delikatessen in fünf kleine Schüsseln kippt und auf den zusammengeschusterten Couchtisch stellt.

“Bonjour ma belle, schön Dich zu sehen!”, sage ich. “Lass Dich mal anschauen!”

Es ist in der Tat schon länger her, dass ich einer meiner Figuren so nahe gekommen bin. 

“Hallo Jules!”, sagt sie im ernsten Ton. Während sie auf mich zukommt, streicht sie sich ihre langen, schwarzen Haare aus dem Gesicht. Gute zwei Meter vor mir hält sie abrupt inne, als käme ihr erst in diesem Moment das Virus wieder in den Sinn. Verkrampft winken wir uns zu. Unter normalen Umständen hätten wir uns vermutlich umarmt, nur müssen wir derzeit auf jegliche Berührungen verzichten.

“Danke übrigens für die Einladung! Es ist gut, dass wir uns heute alle mal richtig zu Gesicht bekommen. Ich bin gespannt, was Ihr so Wichtiges mit mir besprechen wollt.”, sage ich. Lily versteht meine Absicht, eine Unterhaltung zu beginnen.

“Wir warten lieber auf die anderen.”, sagt sie nur, als wir zur Sitzecke zurückkehren und uns auf den mit Kissen übersäten, blau-weiß gestreiften Matratzen niederlassen, die den Tisch einrahmen. Lily nimmt gegenüber von mir Platz. Nachdem ich meine halbvolle Weinflasche und mein Glas in eine Ecke abgestellt habe, verteile nun auch ich vorsichtig mit einem Löffel meine mitgebrachten Oliven in mehrere Gefäße. Ich gebe mir Mühe, sie nicht mit meinen Fingern anzufassen. Danach stelle ich die Säfte und ein paar Teelichter in die Mitte des Tisches und lasse schließlich den Blick über die Dächer von Palma schweifen. Die Frühlingssonne hängt tief am Himmel und hinterlässt orange-rote Spuren am Horizont. 

“Die Lichter zünden wir später an.”, sage ich leise und unverständlich, eher zu mir selbst. Eine Kirchenglocke läutet zweimal, Schwalben tanzen in der feuchtwarmen Luft umher und zwitschern Lieder von Abenteuern und fernen Ländern. Die in rötliches Licht eingetauchte Kirchenspitze und die eng aneinander stehenden Häuser strahlen eine sanfte Ruhe aus. Bis auf eine Person, die gegenüber von unserem Gebäude eine Verbindungstreppe wie ein Aufziehmännchen rauf – und runter rennt, befindet sich niemand auf den Dachterrassen, die sich wie holprige, unebene Teppiche am Horizont ausdehnen.

Lily tut es mir gleich, auch sie schaut sich auf der Dachterrasse um und mustert die für Mallorca typischen Pflanzen, Sukkulente oder Aeonium genannt, die in gigantischen Töpfen die Terrassenmauern dekorieren. Indessen hole ich unauffällig mein I-Phone aus der Hosentasche und überprüfe, ob es auf stumm geschaltet ist. Danach drücke ich es fest in meine Tasche hinein, um nicht zu riskieren, dass es nachher zum Vorschein kommt und von den Kids entdeckt wird. Ich möchte nicht, dass meine Gäste zu häufig mit der heutigen Technik konfrontiert werden. Es genügt schon, dass jede(r) von ihnen einen Fernseher mit Netflix in der Wohnung hat. Zu viele Neuheiten würden nur zu noch mehr Verwirrungen führen. 

“Ein Glück haben wir in dieser kuriosen Zeit die Dachterrasse! Wenn wir wirklich noch länger an diesem Ort verweilen, könnten wir damit anfangen, hier oben Bienen zu züchten, die Terrasse ist tatsächlich sehr geeignet dafür! … Die Bienen, die ich bisher gesehen habe, kann ich an einer Hand abzählen!”, sagt Lily, ihren Blick nun wieder auf mich gerichtet. Noch ganz die Alte, denke ich und lächele; das ist meine Lily, die Umweltschützerin, die ich nur zu gut kenne

Plötzlich höre ich schnelle, laute Schritte, die aus dem Treppenhaus kommen. Konzentriert versuche ich sie zuzuordnen. Santi, eindeutig. 

“Hola guapas!”, ruft dieser und streckt seinen Kopf aus dem Terrassenzugang heraus. 

Bei uns angelangt, legt er seinen Stoffbeutel vorsichtig ab, in dem irgend etwas aneinander klirrt, und lässt sich danach sportlich auf eine der Matratzen plumpsen, als handele es sich um ein Trampolin, das die Aufgabe hat, ihn sicher aufzufangen und ihn kurz darauf wieder hoch zu katapultieren. Überrascht stelle ich fest, dass seine Haarfarbe in jedem Licht anders aussieht. Sie scheint sich der Umgebung anzupassen, genau wie ein Chamäleon seine Hautfarbe an die Umgebung anpasst. 

“Gern würd’ ich Euch Ladies einen Handkuss geben, nur erscheint es mir unter den gegebenen Umständen etwas unpassend.”, redet er im gekünstelten Ton und übertriebener Gestik. “Wie läuft’s denn in der Weiberbude? Habt Ihr schon den Quarantäne-Koller?”, wendet er sich an Lily, die als Reaktion darauf nur mit den Augen rollt und sich dann zu mir dreht. 

“Bald müsste doch der Applaus kommen, oder ?”, fragt sie mich. Ich nicke und bemerke, dass wir noch eine halbe Stunde bis dahin hätten. Jeden Abend jubeln wir, jeder von seinem Balkon aus, für die mutigen Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte, und für all die Menschen, die in dieser krassen Zeit ihr Leben für andere riskieren.

“Ich wette mit Euch, dass Gio das Meeting vergessen hat. Er ist garantiert noch in irgend einem seiner Wälzer vertieft.”, sagt Santi.

“…und Theo wie immer spät dran. Vorhin war sie noch in der Plattensammlung versunken, die Du ihr in ihrem Zimmer gelassen hast, Juli. Dabei war sie diejenige, die am meisten darauf bestanden hat, dass wir uns heute alle mit Dir auf dem Dach treffen.”, fügt Lily mit leicht genervter Stimme hinzu. Unsere Augen treffen sich kurz, doch dann weicht ihr Blick mir aus. Flink greift sie nach einem der Säfte, gießt den Inhalt in unsere Gläser und stößt mit uns in der Luft auf unsere Gesundheit an. Ganz klar, ein Ablenkungsmanöver. Lily ist offenbar noch immer nicht bereit dazu ist, mir den Grund des Treffens zu verraten. 

“Coroooona!”, schreit Santi laut und lehnt sich mit seinem Glas über die Mauer der Dachterrasse. Kurzzeitig bekomme ich Angst, dass er das Gleichgewicht verliert und hinunter stürzt, aber zum Glück passiert nichts.

Ein kurzes, dumpfes Poltern lässt mich aufschrecken. Wie aus dem Nichts steht Gio plötzlich vor uns, ich habe ihn überhaupt nicht kommen hören. Er hatte seinen Roman aus Versehen fallen lassen; nun er bückt sich, um ihn aufzuheben.

“Ich sehe, die Party hat ohne mich begonnen!”, sagt er und grinst. Dann sucht er sich einen freien Platz auf der Sitzcouch, setzt sich langsam und legt sein Buch neben sich ab. Mir kommt währenddessen die Schildkröte Morla der unendlichen Geschichte in den Sinn. Danach streicht er noch ein paar Mal mit der Handfläche sanft über das Cover. Mit leicht ausgestrecktem Oberkörper lese ich den Titel: Krieg und Frieden. Ganz schön heavy, denke ich und bemerke im selben Moment, wie Lily ihm verstohlene Blicke zuwirft. Sie öffnet ihren Mund, als wolle sie irgendetwas sagen, stattdessen schaut sie wieder zur Seite und errötet leicht. Unterdessen dreht Santi sich zu seinem Kumpel Gio, legt ganz unvermittelt den Kopf in den Nacken und reißt seinen Mund weit auf. Ein übertrieben lautes “Haaaatschi” folgt. “Attacke der Coro-Viren!”, ruft er kurz darauf mit schallender Stimme und niest erneut voller Inbrunst, während sich einen Augenblick später abertausende Tröpfchen auf Gios Gesicht und Körper niederlassen. 

“Igitt,” schreit Letzterer reflexartig. Doch braucht es nicht lange, bis wir alle begreifen, dass Santi mit einem Wassersprüher für Blumen nachgeholfen hat, da die Menge der Spritzer in der Tat beträchtlich ist. Während Santi sich über seinen Scherz amüsiert und Gio, der seinen Freund natürlich nicht hängen lassen will, kurz darauf mit einstimmt, verfinstert sich Lilys Miene zusehends. Wäre ihr Gemütszustand Teil eines Films, gäbe es an dieser Stelle wohl einen sprunghaften Szenenwechsel im Geschehen, als wandle sich das verträumte Auenland mit seinen sattgrünen Wiesen schlagartig ins düstere, kahle Mordor um. 

“Wie könnt Ihr nur so geschmacklos sein?”, faucht Lily Santi angewidert an. Ihre Gestalt lässt mich an die einer schwarzen Raubkatze mit leuchtend blauen Augen erinnern, die ihre Jungen verteidigt. Ihre Jungen, das sind in diesem Falle all diejenigen, die ihr Leben wegen Covid-19 lassen mussten, all diejenigen, die sich dem Kampf dieser neuen Krankheit stellen, all diejenigen, die ihr Leben für die Erkrankten riskieren, um sie zu retten. Die beiden Jungs verstummen mit einem Male. Den Blick auf mich gerichtet, greift sich Lily schweigend ihr Glas und geht zur Terrassenmauer hinüber. Ein stiller Vorwurf steht ihr ins Gesicht geschrieben. Ich folge ihr und stelle mich mit dem nötigen Abstand neben sie.

“Es sind doch nur verspielte Jungs. Nimm sie nicht so ernst.”, versuche ich sie zu besänftigen. Sie schenkt mir ein leichtes Lächeln, das jedoch aufgesetzt wirkt; dabei verdreht sie, kaum sichtbar, die Augen und zieht ihre Augenbrauen in die Höhe. Im Grunde weiß ich, dass es sinnlos ist bei Lily Euphemismen zu benutzen.

Einen Augenblick später beginnen die Jungs sich über die neuen Dinge auszutauschen, die sie in ihrem Exil entdeckt haben. Santi kann sich nicht entscheiden, ob der US-Präsident in der hiesigen Welt einen Wischmopp oder ein Meerschweinchen auf dem Kopf trägt und Gio findet Bill Clintons Affäre gegenüber den Skandalen des Präsidenten hier Kleinkram.

Ich stutze, wundere mich kurz darüber, wie es Santi und Gio nur möglich war, bereits so Vieles über Trump zu wissen, da sie in der Wohnung weder über Internet verfügen, noch elektronische Geräte jeglicher Art besitzen. Doch dann fällt mir ein, dass die beiden natürlich spanisch sprechen und diese ganzen Informationen mit Sicherheit aus dem spanischen Fernsehen erfahren haben. Ja, das klingt logisch.

Nachdem ich mich wieder in meine Sitzecke fallen gelassen habe, hole ich geschwind die Weißweinflasche und das Glas aus meinem Versteck hervor und gieße mir so diskret wie möglich ein Schlückchen ein. Selbstverständlich möchte ich die Truppe nicht zum Alkoholgenuss verleiten, denn in den Staaten sind sie dafür noch nicht alt genug. 

Gio redet ununterbrochen von “diesen flachen Fernsehern” und fragt sich, wie die ganze Elektronik Platz darin findet; Santi schwärmt von den spanischen Spezialitäten, der mallorquinischen Art Pizza, genannt “Coca”, bis hin zur Tortilla, die er jeden Tag essen könnte und macht sich über die winzigen Milch- und Safttüten lustig. In den Staaten seien sie dreimal so groß! Dann fällt Gio ihm wieder ins Wort und spricht von den unendlich vielen Serien auf diesen neuartigen Portalen wie Netflix, die er als “einfach genial” bezeichnet, und schließlich fällt das Thema auf die “Minicomputer”, wie Santi sie bezeichnet, worauf jeder hier apathisch starrt oder herumtippt, wenn man vom Fenster aus in die engen Gassen blickt oder neuere Filme bzw. Serien sieht. 

“Hombre, das sind Zweitgehirne!”, sagt Gio mit überzeugter Stimme. “Die Menschen brauchen ihre Köpfe scheinbar gar nicht mehr einzuschalten, sie brauchen für nichts mehr zu pauken, können alles nachschlagen, alles mit diesen Teilen anstellen. Und ich dachte, das Nokia 6110 wäre die Entdeckung schlechthin!”

Oh, wie recht Gio mit seiner Beobachtung hat, würde ich am Liebsten an dieser Stelle hineinrufen. Wenn Ihr wüsstet, welche Bedeutung dem sogenannten Smartphone gegenwärtig zugeschrieben wird, wie wir Menschen wie hypnotisierte Zombies an diesem Ding kleben, egal wo wir uns gerade befinden, auf der Straße, in der U-Bahn, im Bett. Bei jedem Pieps, bei jedem Vibrieren zucken wir zusammen, zotteln es aus unseren Taschen und starren drauf, swipen, tippen und tippen noch mehr. 

Oh, wenn Ihr wüsstet, wie tolle, leidenschaftliche Unterhaltungen, Interaktionen, Diskussionen plötzlich von diesem Gerät unterbrochen, abgeebbt, oder gar kaputt gemacht werden, wieviel Zeit man Tag und Nacht mit ihnen im Internet verbringt, als gäbe es die Wirklichkeit um uns herum nicht. 

Wenn Ihr nur wüsstet.

Mir ist durchaus bewusst, dass die Vier, die in ihrer Realität das Jahr 1998 schreiben, sich bereits mit dem Internet vertraut gemacht haben. Während meiner Recherchen zu meinem Roman versuchte ich mich zurück zu erinnern, wie es damals war. Damals, als man sich noch mit einem Modem ins Internet einwählen musste, damals, als das Chatten begann. Meine Freundin Steffi chattete immer von Fairbanks aus mit ihrem türkischen Freund, und ich entsann mich plötzlich, wie schrecklich ich diese Kommunikationsform in jener Zeit schon fand. Heute hingegen ist sie vom alltäglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Ein Glück wissen meine Figuren davon noch nicht allzu viel.

Einen kurzen Augenblick lang überlege ich, wie denn gleich die damaligen Giganten hießen, die irgendwann von noch größeren verschluckt wurden. Achja: Yahoo und AOL. Heutzutage sind es nur noch flüchtige Namen aus der Vergangenheit. 

Trotz meiner gedanklichen Abschweifungen entgeht mir Theos lautes Summen und Pfeifen nicht, das unten im Dachboden widerhallt. Ich versuche zu erraten, welche Melodie sie trällert und komme schließlich drauf: “Sweet Dreams” von Eurythmics. 

Betont lässig schlendert sie einen Moment später auf uns zu. Erneut kämpfe ich mit dem Bedürfnis, von meinem Platz aufzuspringen, um diesmal Theo in die Arme zu schließen. Mir fällt auf, dass irgendetwas an ihrem Hals baumelt, welches die Form eines Schlüssels hat. 

“Entschuldigt, ich hab’ die Zeit vergessen.“, sagt Theo und lächelt ein wenig gequält, während sie neben Gio in der letzten, freien Ecke auf der bequemen Liegecouch Platz nimmt. 

“Juls, Deine Platten sind echt spitze, muss ich zugeben!”, raunt sie mir mit ihrer tiefen Stimme zu. “Wirklich gut, vor allem ein gutes Ablenkungsmanöver.”, sagt sie weiter,  während sie sich Saft in ihr Glas gießt. Ich stutze. Einen kurzen Moment lang schaut sie mir dabei tief in die Augen und ich fühle mich plötzlich, als säße ich inmitten einer Gruppe von Verdächtigen in einem Poirot-Film und würde an dieser Stelle als Mörderin entlarvt werden. Als Theo ihren Blick in die Runde schweifen lässt, rutscht sie plötzlich mit der Öffnung des Tetra Packs am Glasrand ab, sodass sich das Glas und dessen Inhalt auf dem Tisch breitmachen. Die anderen können sich ein Kichern nicht verkneifen. Hastig hole ich ein paar Servietten hervor, die Theo und ich flink in die Saftpfütze tunken. 

“Sorry, das passiert mir immer, wenn ich nervös bin.” Sie seufzt tief. 

“Was soll’s, ich sprech’s gleich an. Sonst reden wir nur um den heißen Brei herum. 

… Juls… was wird hier eigentlich gespielt?”, fragt sie mich beim Wegwischen des Saftes und blickt mich erneut mit ihren grünen Augen forschend an. 

“Wo ist Suzanne? Sag’ uns, was mit ihr los ist! Wie lange müssen wir hier noch ausharren? …  Wir wollen alle wieder zurück, zurück in unsere Welt, zurück nach Hause!” Weiterlesen

Aufbruch in den Norden

An einem grauen Morgen im Oktober 2055 vor der Europäischen Einwanderungsbehörde in Brüssel stehen Tausende von Menschen in mehreren Reihen im prasselnden Regen.

Herr G., ein hochgewachsener Mann mit schwarzen Haaren unterhält sich mit Herrn K., einem kleinen, rundlichen Herrn fast ohne Haar in einer nicht enden wollenden Schlange.

“Die italienischen und deutschen Grenzen haben sie erst einmal dicht gemacht. Nach Österreich ließen sie heute etwa 200 rein, erzählte mir vorhin ein Schaulustiger. Wenn sie meinem Wunsch nicht nachkommen, werde ich zunächst wohl auf irgendeiner Alm im Tirol landen.”, sagt Herr G. und schaut betrübt unter seinem schwarzen Schirm hervor. Herr K. runzelt die Stirn und fragt: “Hat er auch gesagt, wie viele schon abgewiesen worden sind?”

“Das konnte der Mann nicht genau sagen. Er meinte, er hätte mindestens 10 gesehen, die nicht weitergekommen sind. Ich frage mich, was dann wohl mit ihnen geschieht.”, erwidert Herr G. Beide Männer starren einen Augenblick lang auf die Menschen, die vor ihnen stehen. Frauen und Familien bilden eine separate Schlange, die neben ihnen deutlich schneller voranschreitet. Der Lange fasst sich immer wieder an Schultern und Rücken und verzerrt dabei schmerzerfüllt sein Gesicht. 

“Es war eine anstrengende Reise, wissen Sie: Bus, Fähre, Flieger, kaum Schlaf… und das Ganze wochenlang. Mein Zeitgefühl hat mich dabei völlig im Stich gelassen. Bei Ihnen war es wahrscheinlich nicht anders.” Herr K. nickt nur. 

“Was haben Sie denn als Wunschland angegeben?” fragt Herr G..

“Schweden, da werde ich wohl am Ehesten Arbeit finden. Im Moment sieht es nicht danach aus, dass sie unsere Wünsche in Betracht ziehen…Und Sie?”

“Was meinen Sie?”

“Wo möchten Sie hin?”, fragt Herr K.

“Norwegen, meine Familie ist dort.”, antwortet Herr G. und stellt sich auf Zehenspitzen, um über die Menschenmasse hinweg nach dem Ende der Schlange zu suchen; er gibt es kurze Zeit später jedoch auf und wendet sich dem kleinen Mann zu.

“Wir werden hier wohl noch länger verweilen müssen.” Dann blickt er dem Kurzen direkt ins Gesicht und fragt: “Haben Sie denn Familie?”

Dieser schaut nach unten, hält die rechte Hand als Faust geformt vor den Mund und räuspert sich. 

“Nein, es ist kompliziert. Ich habe mein Haus verloren.” 

“Oh, das tut mir leid!”

“Und Sie, warum sind Sie nicht bei Ihrer Familie?”, wundert sich Herr K.

“ Das frag’ ich mich jede Sekunde! Ich Sturkopf wollte es einfach nicht wahrhaben. Meine Frau hat schon ans Weggehen gedacht, als sie mit unserer ersten Tochter Schwanger war. Vor drei Jahren, als ein Sturm nach dem anderen folgte und wir im Frühjahr nur mit Überschwemmungen zu tun hatten, wollte meine Frau dann definitiv das Land verlassen. Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen… Ständig redete sie auf mich ein. Die Kinder können hier nicht bleiben, hier gäbe es keine Zukunft für sie. Die politische Lage spitze sich zu und es würde nicht mehr lange dauern, bis Zukari die Macht ergreife. Dann sei alles vorbei! Ich solle das doch endlich begreifen! Und was machte ich damals? Ich hörte sie gar nicht; ich wollte es nicht einsehen, meine Heimat einfach so aufzugeben… Tja, eines Tages, es war der 24.06.2052, wachte ich gegen Mittag auf. Ich hatte die Nacht davor lange im Denali’s gearbeitet, so hieß mein Restaurant; und ich wunderte mich darüber, dass ich nicht vom morgendlichen Streiten unserer Töchter wach wurde. Schlaftrunken ging ich also ins Zimmer nebenan, das Zimmer von Tia, meiner jüngeren Tochter. Alles war zu meinem Erstaunen aufgeräumt! Ich öffnete ihren Schrank. Bis auf ein paar Kleider, die traurig auf den Bügeln hingen, war alles weg. Ich rannte zurück ins Schlafzimmer und riss die Schranktür meiner Frau auf. Alles leer. Ich war damals fassungslos, wissen Sie, konnte es einfach nicht glauben!“

„Oh, das tut mir leid.“, sagt Herr K. im recht gleichgültigen Ton. „Und dann?“, fragt er jedoch gleich im Anschluss, da er den Redebedarf seines Gegenübers spürt und ein bisschen Ablenkung von seiner eigenen Innenwelt gebrauchen kann.

„Dann rief ich natürlich meine Frau an, doch es sprang immer wieder ihre Mailbox an und ich hab’ noch ihren verdammten Spruch im Ohr, als wäre es gestern gewesen. Schließlich versuchte ich es bei ihrer Freundin, die alles andere als begeistert über meinen Anruf war. “Du hast sie nie angehört und jetzt ist es zu spät!”, war im Groben ihre Botschaft. Nachdem ich ihr mehrmals versichert hatte, dass ich meine Familie liebe und sie finden möchte, koste es was es wolle, wurde sie endlich weich. Norwegen, sagte sie, Marina hätte dort eine Tätigkeit in der Katastrophenschutzbehörde gefunden und daher vom EU-Konsulat eine Einreisegenehmigung für sich und die Mädchen erhalten. – “Welche Stadt?”, fragte ich hastig.” “Bergen.”, antwortete sie. Dort gäbe es noch halbwegs leere Eingliederungscamps, die den Ruf hätten, eine korrekte Integration von Opfern aus den orangen und roten Zonen durchzuführen. Sie selbst hätte dort auch einen Job bekommen und würde in ein paar Wochen aufbrechen. … In diesem Moment dachte ich, wie blind ich doch vorher gewesen war! Ich hatte buchstäblich gepennt! All die Vorbereitungen, die meine Frau getroffen hatte: Die Abrechnungen auf dem Tisch für gebuchte Sprachkurse, die Weiterbildung für regenerative Energiesysteme, die meine Frau unbedingt machen wollte, sämtliche Artikel über Umweltpolitik, all diese offensichtlichen Zeichen habe ich übersehen oder irgendwie ausgeblendet, verdrängt. Ich war zu sehr in meiner Arbeit vertieft. Naja, irgendwann erreichte ich Marina dann doch am Telefon. Sie war sehr kurz angebunden, nannte mir nur Bruchstücke von Details, als wolle sie gar nicht, dass ich ihnen folge.” Herr G. hält plötzlich inne.

“Entschuldigen Sie bitte. Ich wollte nicht so ausrudern und Sie mit meinem Privatleben langweilen!” 

“Schon gut!”, sagt Herr K. und schnieft. Einen Augenblick lang schweigen sich die beiden nach unten schauend an.

“Sie sagten, Sie hätten Ihr Haus verloren. Das ist natürlich furchtbar! War es ein Tornado?”, greift der Lange das Gespräch wieder auf. “Letztes Jahr wurden bei uns allein schon 20 im Norden gezählt. Hätte mir das jemand vor 30 Jahren erzählt, hätte ich ihn glatt für verrückt erklärt. So etwas gab es früher in unserem Land äußerst selten!”

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Zwei Brüder

Zwei Brüder 

“Mensch, gib’ doch mal ‘n bisschen Gas, Alter! Vito wird nicht ewig warten!”, brüllte Ronny. Pascal schaute Ronny mit zornigen Augen an; angespannt saß er hinter dem Steuer und beschleunigte. 

“Ich hoffe, Vito kauft uns die Geschichte ab! Du weißt doch wie er ist; er traut ja nicht mal seiner eigenen Mutter!”, sagte Pascal, während er das Lenkrad in ruckartigen Bewegungen nach links und rechts drehte. “Fahr doch nicht so’n zick zack, Bruder! Mir ist schon übel, Mann!”, murrte Ronny.   

“Willst Du fahren?” Ein erneuter vorwurfsvoller Blick wanderte zum Beifahrersitz. 

“Beruhig’ Dich mal, Alter! Schließlich erzählen wir dem Boss doch keine Märchen! Das Zeugs ist eben schwer lieferbar. Und Vito weiß auch, dass gerade zwei fette Dealer an der Grenze hochgenommen wurden. Da wird er sich schon glücklich schätzen, dass wir überhaupt was rangeholt haben.” 

Sein Bruder erwiderte nichts, sondern starrte mit grimmigem Blick geradeaus, das Lenkrad fest im Griff. Ronny drehte am Knopf der Radioanlage, aus der zwei Drähte aus einer fehlenden Taste heraus lugten, und machte sofort die Musik lauter. Aus den Boxen ertönte Bushidos neuester Hit, der die beiden sogleich in den Kopf-Wipp-Modus verfallen ließ. Ronny kurbelte die Fenster herunter. 

“Mann, die alte Karre fällt echt bald auseinander!”, blökte er, mit dem abgefallenen Kurbelgriff in der Hand. Feuchtkalte Luft drang in den klapprigen Golf. Von Wind und Mucke angespornt, trat Pascal stärker aufs Gas. Ronny streckte seinen Kopf aus dem Fenster und jubelte. Pascal übersah drei rote Ampeln, und konnte gerade noch rechtzeitig nach links ausweichen, als eine Mutter mit Kinderwagen die Straße überquerte, die ihn im letzten Moment vom Umfallen abhielt. Die beiden Brüder entkamen der Katastrophe um Haaresbreite; und das fühlte sich gut an! Sie warfen sich siegessichere Blicke zu und fühlten sich frei von sämtlichen Problemen, frei von der ständigen Anspannung. Einen Moment lang cruisten sie einfach nur durch die Straßen. Wie früher, dachten sie. Nichts und niemand konnte sie aufhalten! Sie passierten die Kreuzung des Innsbrucker Platzes, bogen schräg links in die Rubensstraße, und nun gab Pascal richtig Vollgas. Ronny jauchzte, der Motor dröhnte. SIE waren die Kings der Straßen; das Adrenalin pumpte durch ihre Adern und ließ ihre Köpfe erröten. Plötzlich sah Pascal Blaulicht im Rückspiegel. Die Sirenen hatten sie scheinbar bei der lauten Musik nicht näher kommen hören.

“Scheiße!” rief Ronny, als auch er sie bemerkte. “Los, fahr schneller!” Pascal stand mit einem Mal der Schweiß auf der der Stirn, den er sich hektisch mit seinem linken Arm abwischte. Er schaltete in den fünften Gang; sein Herz pochte. Blitzartig rückte er näher ans Lenkrad und umklammerte es noch fester. Mittlerweile fuhr er mit 150 Sachen durch die Rubensstraße. Sein Blick schweifte hinüber zu Ronny, der wie ein aufgescheuchter Hahn auf Speed ständig nach hinten schaute. Ronny jammerte aufs Neue: “Scheiße, scheiße! Sie dürfen uns nicht kriegen!” Pascals Augen verharrten an den weit aufgerissenen Augen seines Bruders. Er sah nicht, dass vor ihnen ein blauer Mini Cooper aus der Querstraße rechts in die Rubensstraße einbog. Pascal richtete seine Augen nun erneut auf die Straße und schrie. Mit aller Kraft trat er auf die Bremse und lenkte nach rechts. Plötzlich knallte es. Die beiden Brüder wurden vom harten, dumpfen Aufprall ruckartig nach vorne gedrückt. Ein Laternenmast…
Pascal sah für einen kurzen Augenblick alles in gelb eingehüllt, ein Piepen in seinen Ohren ertönte. Die Zeit stand still. Er blickte zu Ronny, dem Blut über die Stirn lief, die Sirenen waren inzwischen ohrenbetäubend laut und ganz nah. Er schaute über seine rechte Schulter und sah eine weiße Wolke aus dem offenen Kofferraum empor steigen. Sie tanzte in der Luft umher, wie Schnee. Dann wurde die Welt um ihn herum schwarz.                                   

Autor: Julla P.                    

Smart ohne Smartphone

Smartphone-losen Mann gesucht:

“Ich heiße Mila, bin 29 und ich suche einen Partner zwischen 30 und 38, der kein Smartphone besitzt oder mit dem “Smartphonen“ aufhören möchte! Gibt es Dich noch? Wenn ja, möchte ich Dich sehr gern kennenlernen!“

Mila sitzt mit verstrubbelten Haaren im pinken Morgenmantel und grünen Hauslatschen an ihrem Computer in der Küche und nimmt einen Schluck von ihrem morgendlichen Kaffee. Sie hält einen Moment inne, schnuppert mit geschlossenen Augen am feuchtwarmen Dampf über ihrer Tasse und hämmert danach weiter auf ihrer Tastatur herum: “Ich möchte mit dem Smartphonen aufhören und suche Gleichgesinnte“ oder doch lieber?: “Ich wünsche mir ausgiebige Gespräche ohne ständiges Starren auf das Handy. Kein Chatten, kein Tinder, kein Social Media / E-mail – Nachschauen im 5-Sekundentakt.“

Plötzlich klingelt es an der Wohnungstür. „Hmm, eigentlich erwarte ich niemanden“, murmelt sie. Sie schlittert mit ihren Puschen in Richtung Tür und öffnet sie. Es ist Moritz, ihr Ex. Er trägt wie immer sein ausgewaschenes, blaues uniqlo-Shirt mit einer Lederjacke darüber. Ziemlich sexy, dieses Outfit, leider… auch jetzt noch.

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Auf der Damentoilette

In einer Bar in Florida

Menschen starren wie gebannt auf einen Fernseher, der über der Theke an der Wand hängt.

Frau D. -Mitte/Ende 20- beginnt zu würgen und zu weinen. Sie klettert – etwas wackelig und benommen – von ihrem Barhocker hinunter, steuert die Toilette an und stützt sich an einem Tisch ab, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Frau R., um die 50 und gut im Stand, sitzt an diesem Tisch und greift Frau D. sanft unter den Arm. „Honey, beruhigen Sie sich doch! Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

„Ich, ich kann es einfach nicht fassen!“, stammelt Frau D. und schaut bestürzt ins Leere.

„Ich verstehe nicht, was Sie haben, junge Frau? Es ist doch ganz fantastisch!“, sagt Frau R. lachend. „Genau das haben wir uns doch hier alle gewünscht!“

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Abriss eines gewöhnlichen Morgens

Morgens:

“Paaaaaaapa, Maaaaaamaaaaaaaa!!!” hämmert es betäubend in meinen Ohren.

Gerade packe ich noch wild Koffer und scheine dabei immer irgend etwas zu vergessen. Ich bereite mich auf eine Zugreise vor, es ist jedoch alles etwas schwammig…. das „Paaaaapaaaaaa!“ unterbricht meine hektischen Bewegungen, chaotisch meine zerknitterten Kleider in den Koffer zu schmeißen. Ich wache auf und mein Kopf schmerzt. Weiterlesen