Smartphone-losen Mann gesucht:

“Ich heiße Mila, bin 29 und ich suche einen Partner zwischen 30 und 38, der kein Smartphone besitzt oder mit dem “Smartphonen“ aufhören möchte! Gibt es Dich noch? Wenn ja, möchte ich Dich sehr gern kennenlernen!“

Mila sitzt mit verstrubbelten Haaren im pinken Morgenmantel und grünen Hauslatschen an ihrem Computer in der Küche und nimmt einen Schluck von ihrem morgendlichen Kaffee. Sie hält einen Moment inne, schnuppert mit geschlossenen Augen am feuchtwarmen Dampf über ihrer Tasse und hämmert danach weiter auf ihrer Tastatur herum: “Ich möchte mit dem Smartphonen aufhören und suche Gleichgesinnte“ oder doch lieber?: “Ich wünsche mir ausgiebige Gespräche ohne ständiges Starren auf das Handy. Kein Chatten, kein Tinder, kein Social Media / E-mail – Nachschauen im 5-Sekundentakt.“

Plötzlich klingelt es an der Wohnungstür. „Hmm, eigentlich erwarte ich niemanden“, murmelt sie. Sie schlittert mit ihren Puschen in Richtung Tür und öffnet sie. Es ist Moritz, ihr Ex. Er trägt wie immer sein ausgewaschenes, blaues uniqlo-Shirt mit einer Lederjacke darüber. Ziemlich sexy, dieses Outfit, leider… auch jetzt noch.

“Was willst Du?“, grummelt sie ihm entgegen. Nach ein paar Sekunden beklemmender Stille raunt er ihr zu: “Nichts Bestimmtes. Ähm, ich habe noch meine Unibücher bei Dir gelassen”. Moritz promoviert seit gefühlten hunderten Jahren im Bereich Informatik . “Ah ja, die stehen im Schlafzimmer in der Ecke neben dem Schrank. Ich habe sie in einen Karton gepackt.“ , antwortet Mila etwas übertrieben gleichgültig. Moritz geht an ihr vorbei, steuert schnurstracks aufs Schlafzimmer zu und streift dabei unsanft ihre Schulter. Der zieht sich immer noch nicht die Schuhe aus, wenn er die Wohnung betritt, denkt Mila, schließt die Wohnungstür, setzt sich wieder an ihren Tisch und formuliert weiter.

Mila und Moritz – von ihren Freunden auch die M&M’s genannt- waren einst das Vorzeigepaar, das in einer romantischen Komödie nach einer dramatischen Krise natürlich wieder zusammengefunden hätte, um sich letztendlich in einem bis zum Umfallen kitschig dekorierten Pavillon im Freien das Ja-Wort zu geben. Nur ist das hier nicht irgendein schnulziger Judd Apatov Film, der krampfhaft versucht komisch zu sein, sondern die pure Realität in Berlin-Neukölln im Jahr 2018. Berlin, die Stadt der Freiheit, der Vielfalt, der nächtlichen Abenteuer und der nicht enden wollenden Kindheit.

Mila bleibt am Küchentisch sitzen, innerlich bebt sie. Der Kerl besitzt drei Smart-Phones und hält es nicht für nötig, sich vorher mal anzukündigen! Sie versucht mit ihrer kürzlich neu erlernten Atemtechnik ihre Wut zu bändigen und öffnet schnell ein neues Fenster im Netz, am besten die Zeit-Seite, denkt sie, falls er doch einen Blick auf ihren Computer erhascht, was allerdings praktisch gar nicht möglich ist, da Moritz gerade im Schlafzimmer herumwuselt. Während ihrer gemeinsamen Zeit hat er immer Diskretion bewahrt, ein bisschen zu viel, wie sie fand. Sie hätte sich von ihm oft etwas mehr Neugier und Interesse an ihrem Handeln gewünscht; stattdessen ließ Moritz kaum den Blick von seinem Computer schweifen, sondern schaute nur hoch, wenn es unbedingt erforderlich war.

Mila hört hektisches Kramen und das Fluchen ihres Ex-Freundes. “Da ist nix in der Ecke!” Sie kichert leise, stützt ihren Ellbogen auf dem Tisch ab und schaut aus dem Fenster. Sie hört und sieht jedoch nicht, wie gerade zwei Volkswagen aneinander poltern; wie Inge, eine ältere Frau aus dem 1. Stock, mit dem neuen Nachbarn Marco aus Verona lautstark diskutiert; und wie auf dem gegenüberliegenden Spielplatz ein kleines, lockiges Mädchen von der Schaukel fällt. Nein, Mila schwelgt in Erinnerungen. Sie denkt an die vielen Streitereien zwischen Moritz und ihr und zwingt sich, wenigstens einen harmonischen Moment aus ihrem Gedächtnis zu kramen, doch vergebens. Es tauchen ausschließlich Szenen auf, in denen ordentlich die Fetzen fliegen. Schließlich erscheint “La Grande Finale” noch einmal in aller Deutlichkeit vor ihren Augen, als wäre es gestern gewesen.

Drei Monate früher:

“Moritz, wollten wir nicht schon vor 10 Minuten bei Lisa und Anton sein? Wir sind schon wieder zu spät !“ brummte Mila. Sie hielt zwei Schnürsenkelenden in der Hand, an denen sie zuvor ein wenig zu fest gezogen hatte, schmiss sie schließlich in die Ecke und suchte hektisch ein anderes Paar Schuhe. Moritz ignorierte Mila und verteilte fleißig Instagram-Herzen auf seinem Handy. Dann noch kurz fb-Aktualitäten schauen. “Ah, es hat Marc geschrieben, dem wollte ich noch einen link von scripta, dem neuen language processing tool, schicken. Schreib’ Lisa doch, dass wir einen Tick später kommen.”                          “Was? Kannst Du das nicht von unterwegs oder einfach später machen?”, rief ihm Mila entsetzt zu, die bereits ihren Mantel an hatte und nun im Türrahmen stand. Als Moritz dann noch einfiel, auf Toilette zu gehen, um dort nicht seinem Geschäft, sondern seinen Tätigkeiten in der virtuellen Welt erneut nachzugehen, platzte ihr der Kragen. “Mir reicht’s! Ich kann das nicht mehr!”, schrie sie. Schnaufend lief sie auf Moritz zu, entriss ihm seinen “Schatz” und stürmte zum offenen Fenster im Schlafzimmer, um ihn kurzerhand im hohen Bogen hinauszuwerfen. Moritz hatte die Situation noch nicht ganz erfasst und blieb wie angewurzelt auf dem Klo sitzen. Mit seinen halblangen, verfilzten Haaren, seinen dünnen, knochigen Storchbeinen und seinen vom Kaffee vergilbten Zähnen, die aus seinem verdutzten, offenen Mund hervor guckten, sah er in diesem Moment plötzlich zehn Jahre älter aus. Charme, Witz und Intelligenz hatten Milas Meinung nach schon längst in der hintersten Reihe eines Kellerregales Platz gefunden. Sie kamen nur wieder hervorgekrochen, wenn es unbedingt sein musste. Alles, was sie damals so toll an ihm fand, hat sich komplett in Luft aufgelöst. “Du hast eine Woche, um Dir ‘ne neue Bleibe zu suchen. Ich wohne in der Zeit bei Lisa.” Ihre Stiefel klackerten laut auf dem abgenutzten Parkett, als sie zur Wohnungstür marschierte und diese hinter sich zu knallte. Ihr Klos im Hals löste sich, das Blei in ihren Gliedern schien sich in Helium um zu wandeln und leicht beflügelt schwebte sie die Treppen hinunter.

Mit diesem Gefühl im Bauch und einem Schmunzeln im Gesicht schlürft Mila erneut ihren mittlerweile kalt gewordenen Kaffee und murmelt schließlich: “Richtige Entscheidung!”. Als sie in Moritz’ ausdrucksloses Drei-Tage-Bart-Gesicht schaut; zieht dieser gerade eines seiner Zweithirne aus der Hosentasche, um einen immens wichtigen Post zu lesen; und wahrscheinlich hat er schon längst vergessen, warum er eigentlich hier war.

Sie fügt ihren vorbereiteten Text in das okcupid Feld ein und klickt auf ‘send’.  Zufrieden reibt sie sich die Hände. Life goes on!

Autor: Juliane Pons

 

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