In einer Bar in Florida
Menschen starren wie gebannt auf einen Fernseher, der über der Theke an der Wand hängt.
Frau D. -Mitte/Ende 20- beginnt zu würgen und zu weinen. Sie klettert – etwas wackelig und benommen – von ihrem Barhocker hinunter, steuert die Toilette an und stützt sich an einem Tisch ab, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Frau R., um die 50 und gut im Stand, sitzt an diesem Tisch und greift Frau D. sanft unter den Arm. „Honey, beruhigen Sie sich doch! Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“
„Ich, ich kann es einfach nicht fassen!“, stammelt Frau D. und schaut bestürzt ins Leere.
„Ich verstehe nicht, was Sie haben, junge Frau? Es ist doch ganz fantastisch!“, sagt Frau R. lachend. „Genau das haben wir uns doch hier alle gewünscht!“
Frau D. blickt sie angewidert an. „Sie haben Trump gewählt?“ Entrüstet reißt sie sich von Frau R. los und geht weiter. Kurz vor der Toilettentür dreht sie sich noch einmal um und ruft wütend: „Lady, anscheinend stehen Sie drauf, wenn machtbesessene, geldgierige Säcke an Ihre Pussy grabschen. … Für sie sind Sie doch nichts weiter als eine dumme Pute, die ihren Mund halten soll! Das ist Ihnen doch klar, oder? …Mädels, schön aussehen und Beine breitmachen, so lautet von jetzt an unsere Devise, yuppi!!“, ruft sie in die Bar . „Es ist echt unglaublich, wie man nur so blöd sein kann… Ich… muss jetzt erst mal „kotzen“ gehen.“
Zornig stößt sie die Damentoilette auf, geht zum Waschbecken und wäscht sich das Gesicht. Langsam atmet sie tief ein und aus und starrt dabei in den Spiegel. Angestrengt versucht sie ihre Gedanken zu ordnen und ihre Emotionen unter Kontrolle zu bringen. Sie fühlt sich so dreckig wie schon lange nicht mehr. Mit zittrigen Händen holt sie ihr Telefon aus dem Rucksack – 20 Nachrichten – sie steckt es resignierend wieder ein.
„Wie konnte das nur passieren? Wie kann sich die Hälfte der Amerikaner von den Worten solch eines Mannes dermaßen täuschen lassen?“
Plötzlich steht die ältere Dame im Raum. Sie nähert sich der jüngeren Frau und fragt:
„Sind Sie ok?“
„Nein, bin ich nicht.“
„Aber Honey, es ist doch nur Politik! … Nicht das Ende der Welt!“, lacht sie. „Alles wird sich schon zum Guten wenden! Gott wird uns beschützen, glauben Sie mir! Und Mr. Trump wird wieder alles in Ordnung bringen.“
„In Ordnung bringen?“, erwidert Frau D. und runzelt die Stirn. „Das denken Sie jetzt nicht wirklich, oder? Wie können Sie so etwas sagen? Dieser Mann ist eine Gefahr für die Menschheit!! Die Staaten haben soeben einen Wahnsinnigen gewählt!“
„Das dürfen Sie doch jetzt nicht so radikal sehen, junge Dame.“ Sie nähert sich Frau D. „Ich gebe ja zu, ich verstehe nicht viel von Politik, aber dieser Mr.Trump scheint doch ein erfolgreicher, anständiger Mann zu sein. Gut, manchmal ist er vielleicht etwas zu temperamentvoll, aber in vielen Dingen hat er doch Recht! Wir haben tatsächlich ausreichend Menschen in unserem Land, da müssen nicht noch tausende hinzukommen! All diese jungen, dunklen Leute, die über die Grenze kommen … und dann noch illegal! Inzwischen habe ich ja richtig Angst abends noch einmal eine Runde spazieren zu gehen, verstehen Sie, was ich meine? Ich fühle mich bedroht in meinem eigenen Land!“
Frau D. trocknet sich kopfschüttelnd die Hände. „Voilà, da hat Trump wohl sein Ziel erreicht!“, murmelt sie.
Frau R. fährt fort: „Wissen Sie, ich habe mir ja nicht alles im Fernsehen angeschaut. Diese vielen Reden und Interviews… der ganze Wahlrummel, das macht mich alles immer so nervös… Mein Mann Jim, Gott hab ihn selig, hat immer die Republikaner unterstützt.“ Sie senkt ihren Kopf und ihre Stimme.
„Er, er ist vor einem Jahr von uns gegangen.“
„Mein Beileid.“, sagt die junge Frau im gleichgültigen Ton. Sie kramt in ihrem Rucksack nach einem Taschentuch und schnaubt sich die Nase.
„Naja, jedenfalls hat mein Jim viel mehr von Politik verstanden als ich. Wir wählen die GOP, seitdem wir denken können, und sie hat uns noch nie enttäuscht! Jim hat….
„So, jetzt mal halb lang, Lady!“, unterbricht Frau D. die gesprächige Frau. „Ich kann mir das nicht mehr länger anhören! …Ich weiß nicht, wo Sie waren, als die Bushs an der Macht waren! Leben denn so viele Amerikaner hinter dem Mond? Und glauben Sie wirklich die Märchen, die Ihr Mr. Trump und Fox News verbreiten?“ Eine Toilettenspüle schallt im Hintergrund. „Präsident Obama hat unheimlich viele Dinge eingeführt, die das Land in die richtige Richtung lenken. Dank ihm sind Millionen von Menschen krankenversichert!“
Plötzlich tritt Frau M., eine zierliche Gestalt mittleren Alters, aus einer Toilettenkabine.
„Also mir hat Obamacare in den 8 Jahren unter Obama gar nichts gebracht … und auch viele andere Dinge nicht, die unter Obama passiert sind“, mischt sie sich mit minimal hörbaren Akzent ins Gespräch.
Frau D. und Frau R. schauen überrascht zu Frau M. Sie muss die ganze Zeit in der Kabine gewesen sein und den Beiden zugehört haben!
Die Frau trägt ein Kopftuch und hat arabische Gesichtszüge. „Ich, ich habe auch für Trump gewählt“, sagt sie etwas zögerlich.
„WAS??“, platzt es aus Frau D. heraus.
„Wissen Sie, als allein erziehende Mutter komme ich gerade mal so über die Runden und wünsche mir seit Langem einfach eine Veränderung!“, erklärt sich Frau M. „Unter Obama hat sich für mich nichts verbessert, rein gar nichts, und für viele andere auch nicht! Sie müssen sich nur mal die ländliche Bevölkerung näher anschauen! … Außerdem habe ich einfach keine Lust mehr auf dieses Rumgeeier zum Thema Islamismus. Obama hat da nie Klartext gesprochen!“
Frau D. fasst sich an die Stirn und prustet entsetzt los: „Ich kann das nicht glauben! Haben Sie nicht zugehört, was er mit Muslimen vorhat? Er, er schert doch alle über einen Kamm (!) …nennt sie Terroristen! Trump ist so ein … Was ist bloß los mit Ihnen? Für ihn sind alle Mexikaner Vergewaltiger und Drogenhändler! Der Typ will eine Mauer bauen!“
„Ja, das finde ich natürlich auch alles furchtbar; das ist ganz klar!“, antwortet Frau M. „Aber man darf dieses Volksgehetze nicht so wortwörtlich nehmen. Trump hat viele Probleme mit sich selbst, die er hoffentlich einigermaßen in den Griff bekommen wird. Ich glaube aber nicht, dass er seine Äußerungen, die er im Wahlkampf gemacht hat, wirklich umsetzen wird. Er denkt doch in erster Linie an den Schutz der Amerikaner, wozu im Übrigen auch die legalen Einwanderer zählen! Und großartig Kriege anzetteln wird er auch nicht. Ich hab’ eher den Eindruck, dass er Isolationspolitik anstrebt und es nur brenzlig wird, wenn unsere nationale Sicherheit gefährdet ist. Er hat bestimmt…“
„Haben Sie denn nicht mitbekommen, wie er die legalen Einwanderer behandelt?“, unterbricht Frau D. sie. „Zum Beispiel, diesen Reporter, der einen mexikanischen Akzent hatte, ich kann mich nicht mehr an den Kontext erinnern… Trump hat einfach all seine Fragen ignoriert und ihn am Ende von seinem Sicherheitspersonal hinaustransportieren lassen! Es gibt noch so viele andere Beispiele! Er ist ganz klar ein Rassist und wird die ohnehin schon schlimme Lage nur noch verschlimmern!! Auch wenn er seine unmöglichen Äußerungen nicht wahr macht, warum nimmt er sie dann erst in den Mund? Das sagt doch schon so viel über seine Persönlichkeit aus!…Übrigens, ich weiß nicht, ob Sie’s wussten, aber es gab damals auch nicht wenige Juden, die für Hitler gestimmt hatten, und Sie sehen ja, was daraus geworden ist!“
Frau R. schüttelt den Kopf: „Meine Damen, immer mit der Ruhe! Honey, was erzählen Sie denn da von Hitler und Drogenhändlern? Mr. Trump wird uns schon vor all diesen schrecklichen Dingen beschützen!“
„Oh Lady, Sie verstehen offensichtlich rein gar nichts!“, schimpft Frau D. „Wenn halb Amerika so denkt wie Sie, ist es echt kein Wunder, dass jetzt die Kacke am Dampfen ist!“
„Also, achten Sie doch gefälligst auf Ihre Wortwahl, junge Dame!“, sagt Frau R. empört.
„Ach, ich soll auf meine Wortwahl achten? Aber ein Trump, der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten, kann sich vulgäre Sprache in der Öffentlichkeit erlauben und sich so oft im Ton vergreifen wie er möchte?“
„Immer noch besser, als mit Lügen abgespeist zu werden!“, wirft Frau M. plötzlich ein. „Seitdem herausgekommen ist, dass die Clinton mit den Saudis und Qatar unter einer Decke steckt, die den IS unterstützt, vertraue ich ihr kein Stück mehr!“
„Klar war das ein großer Fehler von ihr“, räumt Frau D. ein. „Diese Frau ist für mich auch kein Engel! Ich hätte mir für die Demokraten auch jemand anderes gewünscht“. Sie hält inne und wirft ihren Blick auf eine kleine, verstaubte Ecklampe, die dem Raum ein wenig warmes Licht spendet, und fährt fort:
„Was würde ich dafür geben, Obama weiter als Präsidenten zu sehen! Er ist einfach der Beste! Er ist ein Präsident, der endlich mal erkennt, dass wir uns für den Klimaschutz einsetzen müssen; er packt das Dilemma der Waffengesetze an; er hat den Irakkrieg beendet, er macht auf gesunde Ernährung aufmerksam und hat den Ernährungsstandard an Schulen angehoben, er unterschrieb den „Hate Crimes Prevention Act“ … Ich will gar nicht aufzählen, was er noch alles gemacht hat… Klar hat er nicht alle Amerikaner mit seinen Taten erreicht. So etwas ist ja auch so gut wie unmöglich.“ Frau D.s Gesicht glüht. Frau R. hat sich in der Zwischenzeit auf einen Stuhl gesetzt und Frau M. lehnt nachdenklich an einer Wand. Die junge Frau spricht mit resoluter Stimme weiter: „Barack Obama war verdammt gut für unser Land und Hillary Clinton hätte mit Sicherheit da weitergemacht, wo Obama aufgehört hat. Und nun soll ihm eine Person folgen, die Foltermethoden wieder einführen möchte und über den Einsatz von Atomwaffen spricht, als wäre das alles ein gottverdammtes Videospiel?“ Sie wirft den beiden Frauen missbilligende, zornige Blicke zu.
„Auch wenn das erstmal alles nur Worte waren“, fährt sie fort, „sollen wir jetzt so tun, als wäre das nie zur Sprache gekommen? Obama steht für all die Werte, die die Vereinigten Staaten ausmachen! Trump ist das komplette Gegenteil, sehen Sie das denn nicht?
All das, was Obama aufgebaut hat, wird Mr. Trump zunichte machen!!“
Frau R. und Frau M. schweigen. Stimmengewirr und Jubelgesang dröhnen nun von nebenan in den Raum. Frau M. stößt plötzlich einen tiefen Seufzer aus und murmelt etwas Unverständliches auf Arabisch. Nervös zupft sie sich ihr Kopftuch vorm Spiegel zurecht, sodass kein einziges Haar mehr zu sehen ist, und zieht sich ihre Jacke an.
„Miss .., äh… “, ergreift Frau D. erneut das Wort, wir haben es leider versäumt, uns vorzustellen. Es tut mir leid für Sie, dass sie anscheinend soviel Pech in Ihrem Leben hatten und von Obama so enttäuscht sind. Leider ist er auch „nur“ ein Mensch und kein Zauberer, der seinen schwarzen Umhang umschwenkt und mit dem Zauberstab die schlechten Dinge in gute verwandeln kann. Alles braucht eben seine Zeit und keiner kann ein Land in einem so kurzen Zeitraum von Kopf bis Fuß umkrempeln!
Tja, und ein Trump wird Ihre Situation auch nicht verbessern, das garantiere ich Ihnen!“
Frau M. erwidert nichts. Stattdessen verlässt sie mit gesenktem Blick, unzähligen Sorgenfalten auf der Stirn und einem simplen „Bye“ den Raum.
„Sagen Sie, Honey, wo haben Sie denn diese ganzen Gruselgeschichten her? Das bereitet einem ja Kopfschmerzen! Sie haben diese arme Frau ja völlig in Angst und Schrecken versetzt mit Ihren Bemerkungen!“
„Ok ,… ich gebe auf.“, seufzt Frau D.
„Was ist das bloß für ein Land, in dem ich lebe?“ Sie schwingt sich ihren Rucksack auf und öffnet die Ausgangstür. Beim Rausgehen dreht sie sich noch einmal zu der Dame um. „Achja, und eins noch: Nennen Sie mich verdammt noch mal nicht Honey! Good bye!“ Die Tür fällt polternd ins Schloss.
Autor: Julla P.