An einem grauen Morgen im Oktober 2055 vor der Europäischen Einwanderungsbehörde in Brüssel stehen Tausende von Menschen in mehreren Reihen im prasselnden Regen.

Herr G., ein hochgewachsener Mann mit schwarzen Haaren unterhält sich mit Herrn K., einem kleinen, rundlichen Herrn fast ohne Haar in einer nicht enden wollenden Schlange.

“Die italienischen und deutschen Grenzen haben sie erst einmal dicht gemacht. Nach Österreich ließen sie heute etwa 200 rein, erzählte mir vorhin ein Schaulustiger. Wenn sie meinem Wunsch nicht nachkommen, werde ich zunächst wohl auf irgendeiner Alm im Tirol landen.”, sagt Herr G. und schaut betrübt unter seinem schwarzen Schirm hervor. Herr K. runzelt die Stirn und fragt: “Hat er auch gesagt, wie viele schon abgewiesen worden sind?”

“Das konnte der Mann nicht genau sagen. Er meinte, er hätte mindestens 10 gesehen, die nicht weitergekommen sind. Ich frage mich, was dann wohl mit ihnen geschieht.”, erwidert Herr G. Beide Männer starren einen Augenblick lang auf die Menschen, die vor ihnen stehen. Frauen und Familien bilden eine separate Schlange, die neben ihnen deutlich schneller voranschreitet. Der Lange fasst sich immer wieder an Schultern und Rücken und verzerrt dabei schmerzerfüllt sein Gesicht. 

“Es war eine anstrengende Reise, wissen Sie: Bus, Fähre, Flieger, kaum Schlaf… und das Ganze wochenlang. Mein Zeitgefühl hat mich dabei völlig im Stich gelassen. Bei Ihnen war es wahrscheinlich nicht anders.” Herr K. nickt nur. 

“Was haben Sie denn als Wunschland angegeben?” fragt Herr G..

“Schweden, da werde ich wohl am Ehesten Arbeit finden. Im Moment sieht es nicht danach aus, dass sie unsere Wünsche in Betracht ziehen…Und Sie?”

“Was meinen Sie?”

“Wo möchten Sie hin?”, fragt Herr K.

“Norwegen, meine Familie ist dort.”, antwortet Herr G. und stellt sich auf Zehenspitzen, um über die Menschenmasse hinweg nach dem Ende der Schlange zu suchen; er gibt es kurze Zeit später jedoch auf und wendet sich dem kleinen Mann zu.

“Wir werden hier wohl noch länger verweilen müssen.” Dann blickt er dem Kurzen direkt ins Gesicht und fragt: “Haben Sie denn Familie?”

Dieser schaut nach unten, hält die rechte Hand als Faust geformt vor den Mund und räuspert sich. 

“Nein, es ist kompliziert. Ich habe mein Haus verloren.” 

“Oh, das tut mir leid!”

“Und Sie, warum sind Sie nicht bei Ihrer Familie?”, wundert sich Herr K.

“ Das frag’ ich mich jede Sekunde! Ich Sturkopf wollte es einfach nicht wahrhaben. Meine Frau hat schon ans Weggehen gedacht, als sie mit unserer ersten Tochter Schwanger war. Vor drei Jahren, als ein Sturm nach dem anderen folgte und wir im Frühjahr nur mit Überschwemmungen zu tun hatten, wollte meine Frau dann definitiv das Land verlassen. Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen… Ständig redete sie auf mich ein. Die Kinder können hier nicht bleiben, hier gäbe es keine Zukunft für sie. Die politische Lage spitze sich zu und es würde nicht mehr lange dauern, bis Zukari die Macht ergreife. Dann sei alles vorbei! Ich solle das doch endlich begreifen! Und was machte ich damals? Ich hörte sie gar nicht; ich wollte es nicht einsehen, meine Heimat einfach so aufzugeben… Tja, eines Tages, es war der 24.06.2052, wachte ich gegen Mittag auf. Ich hatte die Nacht davor lange im Denali’s gearbeitet, so hieß mein Restaurant; und ich wunderte mich darüber, dass ich nicht vom morgendlichen Streiten unserer Töchter wach wurde. Schlaftrunken ging ich also ins Zimmer nebenan, das Zimmer von Tia, meiner jüngeren Tochter. Alles war zu meinem Erstaunen aufgeräumt! Ich öffnete ihren Schrank. Bis auf ein paar Kleider, die traurig auf den Bügeln hingen, war alles weg. Ich rannte zurück ins Schlafzimmer und riss die Schranktür meiner Frau auf. Alles leer. Ich war damals fassungslos, wissen Sie, konnte es einfach nicht glauben!“

„Oh, das tut mir leid.“, sagt Herr K. im recht gleichgültigen Ton. „Und dann?“, fragt er jedoch gleich im Anschluss, da er den Redebedarf seines Gegenübers spürt und ein bisschen Ablenkung von seiner eigenen Innenwelt gebrauchen kann.

„Dann rief ich natürlich meine Frau an, doch es sprang immer wieder ihre Mailbox an und ich hab’ noch ihren verdammten Spruch im Ohr, als wäre es gestern gewesen. Schließlich versuchte ich es bei ihrer Freundin, die alles andere als begeistert über meinen Anruf war. “Du hast sie nie angehört und jetzt ist es zu spät!”, war im Groben ihre Botschaft. Nachdem ich ihr mehrmals versichert hatte, dass ich meine Familie liebe und sie finden möchte, koste es was es wolle, wurde sie endlich weich. Norwegen, sagte sie, Marina hätte dort eine Tätigkeit in der Katastrophenschutzbehörde gefunden und daher vom EU-Konsulat eine Einreisegenehmigung für sich und die Mädchen erhalten. – “Welche Stadt?”, fragte ich hastig.” “Bergen.”, antwortete sie. Dort gäbe es noch halbwegs leere Eingliederungscamps, die den Ruf hätten, eine korrekte Integration von Opfern aus den orangen und roten Zonen durchzuführen. Sie selbst hätte dort auch einen Job bekommen und würde in ein paar Wochen aufbrechen. … In diesem Moment dachte ich, wie blind ich doch vorher gewesen war! Ich hatte buchstäblich gepennt! All die Vorbereitungen, die meine Frau getroffen hatte: Die Abrechnungen auf dem Tisch für gebuchte Sprachkurse, die Weiterbildung für regenerative Energiesysteme, die meine Frau unbedingt machen wollte, sämtliche Artikel über Umweltpolitik, all diese offensichtlichen Zeichen habe ich übersehen oder irgendwie ausgeblendet, verdrängt. Ich war zu sehr in meiner Arbeit vertieft. Naja, irgendwann erreichte ich Marina dann doch am Telefon. Sie war sehr kurz angebunden, nannte mir nur Bruchstücke von Details, als wolle sie gar nicht, dass ich ihnen folge.” Herr G. hält plötzlich inne.

“Entschuldigen Sie bitte. Ich wollte nicht so ausrudern und Sie mit meinem Privatleben langweilen!” 

“Schon gut!”, sagt Herr K. und schnieft. Einen Augenblick lang schweigen sich die beiden nach unten schauend an.

“Sie sagten, Sie hätten Ihr Haus verloren. Das ist natürlich furchtbar! War es ein Tornado?”, greift der Lange das Gespräch wieder auf. “Letztes Jahr wurden bei uns allein schon 20 im Norden gezählt. Hätte mir das jemand vor 30 Jahren erzählt, hätte ich ihn glatt für verrückt erklärt. So etwas gab es früher in unserem Land äußerst selten!”

“Ein Tornado war es nicht, nein.”, sagt Herr K. schließlich. “Unser Haus wurde einfach so weggespült, weggefegt von einem Taifun, als wäre es ein Pappkarton. Wir wohnten ziemlich nah am Küstengebiet, welches bereits evakuiert worden war.” Die Stimme des kleinen Mannes ist plötzlich sehr heiser. “Meine Frau und mein Sohn kamen dabei ums Leben.” 

“Das tut mir schrecklich leid!”, raunt Herr G. und fasst sich dabei an seine Stirn. Einige Zeit lang sagt keiner der Beiden etwas.

“Das Alarmsystem in unserer Straße, das unsere Regierung vor einigen Jahren installieren ließ – in den Regionen nahe dem Küstengebiet war es bei uns laut Gesetz obligatorisch – funktionierte nicht vernünftig.”, fährt der Kurze mit gesenktem Kopf fort. ”Die Regierung prahlte damit, dass sie sich für die Bevölkerung einsetzte, doch um die Qualität und Instandhaltung kümmerte sie sich herzlich wenig! Oft fing das Ding einfach ohne Grund an zu heulen, sodass wir es manchmal alle gar nicht mehr wahr nahmen. Vielleicht hörten sie es in jener Nacht auch nicht mehr; und vermutlich hatte Imee ihr Handy aus. Normalerweise hätten sie darüber auch alarmiert werden müssen…” Der Mann hält kurz inne und spricht dann etwas leiser mit zittriger Stimme weiter. “Ich war nicht zu Hause, geschäftliche Gründe.”, er räuspert sich. “Eigentlich wollte ich mir das System einmal selbst ansehen; ich bin Ingenieur, wissen Sie; doch ich verließ mich auf die regelmäßigen Kontrollen, die der Staat anordnete. Das letzte Mal, das war ein Monat vor … ”, der Rundliche stockt und reibt sich an der Wange; seine Stimme bebt. “Das war kurz vor dem Taifun; da kam ein Techniker, der sich die Anlage in unserer Straße genauer anschaute und auch ein Teil austauschte – was genau, wollte er mir nicht verraten. Er sagte jedenfalls, das Gerät sei nun wieder in Ordnung.”… Der kleine Mann strich sich mit der Hand über die Stirn. “Ich hätte mich nicht darauf verlassen dürfen, auf nichts und niemanden kann man sich heute mehr verlassen!” Zitternd verkneift er sich ein Schluchzen. 

Der Lange steht unbeholfen neben ihm und bringt erneut ein beklemmendes: “Es, es tut mir sehr leid!” heraus. Er klopft dem Trauernden ein wenig ungeschickt auf die rechte Schulter. 

Plötzlich bewegt sich die Schlange zügig vorwärts.

”Sie scheinen ein paar Leute mehr eingespannt zu haben.”, sagt der Lange beim Aufrücken, offenbar erleichtert, einen Anlass zu haben, um das Thema wechseln zu können. 

Der Regen hat inzwischen aufgehört; die zwei Herren klappen ihre Schirme zusammen. Allmählich reißt die graue Wolkenwand ein wenig auf, sodass sich hauchdünne Sonnenstrahlen auf den Gesichtern der beiden Männer niederlassen. Herr G. neigt sich zur Sonne hin und genießt die Wärme für einen Augenblick, als auch schon der Erste aus den hinteren Reihen anfängt zu gröhlen: “Hey, rücken Sie mal weiter; jetzt ist keine Zeit zum Sonnen!” Der Große reagiert nicht darauf; stattdessen wendet er sich wieder dem Kurzen zu. “Was meinen Sie, wenn wir das Rad noch einmal 200 Jahre zurückdrehen könnten, mit dem Wissen, was uns in der Zukunft erwartet – rein hypothetisch, versteht sich -, denken Sie, dass wir Vieles anders gemacht hätten? Wenn wir gewusst hätten, was da alles auf uns zukommt: diese ständigen, schrecklichen Stürme und Überschwemmungen; Pandemien, die unser Leben von Grund auf veränderten, extreme Wasserknappheit und Dürre in Afrika oder Ländern wie Iran, Indien oder die Mongolei, … und diese endlosen, furchtbaren Waldbrände, Australien! – Was für eine Katastrophe! Vor 40 Jahren hatte es dort schon ständig gebrannt und die Menschen haben trotzdem weitergemacht wie bisher! Warum nur? Und nun ist der Kontinent nicht mehr bewohnbar! Ein ganzer Kontinent, einfach so weg!” Herr G. pausiert kurz.

”Wenn wir gewusst hätten, dass so viel Land verschwindet, dass Millionen von Menschen ihre Familien, ihre Häuser, ihre Heimat verlieren…hätten wir etwas anders gemacht?” Mit feuchten Augen schaut er den Kurzen an, erwartet jedoch keine Antwort. “Natürlich nicht!”, sagt er weiter mit erhobener Stimme. “Der Großteil der Menschen kümmert sich erfahrungsgemäß nur um sich selbst und eventuell noch um seine Nächsten! Sie schaut nicht über den Tellerrand hinaus; sie erstickt an ihren eigenen Sorgen. So war es, so ist es und so wird es immer sein!” 

Als Herr G. seine kleine Ansprache beendet; stimmt Herr K. ihm kopfnickend zu und murmelt: “Vor allem haben wir das dem neoliberalen Kapitalismus zu verdanken.” Seine traurigen Augen starren kraftlos ins Leere.

Vor ihnen kramt ein junger Mann mit einer grauen Mütze, die ihm tief ins Gesicht hängt, hektisch in seinem zerfledderten Rucksack. Nervös blickt er dabei um sich und schaut danach immer wieder in kurzen Abständen auf sein Smartphone, auf dem vermutlich seine Dokumente gespeichert waren. Herr G. wirft Herrn K. fragende Blicke zu. Schließlich stehen sie einige Meter entfernt von einem Schalter, hinter dem auf der linken Seite eine streng dreinblickende Frau mittleren Alters und auf der rechten ein grimmig schauender Mann mit Schnurrbart sitzen. ”Das ist so letztes Jahrhundert!”, raunt Herr G., als er den Offizier erblickt, und schaut Herr K. an. “Sowas in der Art würde meine ältere Tochter jetzt zu dem Bart sagen.”, erklärt er, in der Hoffnung, den anderen etwas aufzumuntern, bereut seinen Kommentar jedoch im selben Moment. 

Inzwischen tut sich etwas an den Schaltern. Die Beiden beobachten den Mann mit dem kaputten Rucksack, der bei dem missgelaunten Beamten steht und heftig mit seinen Händen gestikuliert. Plötzlich winkt der Offizier zwei EU-Soldaten, die in unmittelbarer Nähe stehen, zum Schalter heran.

“Was da wohl los ist?”, fragt Herr G..

“Gefälschte Einwanderungsgenehmigung, nehme ich an. Das macht hier jeder Vierte.”, sagt Herr K. trocken. Herr G. erschaudert. Mit herabhängenden Schultern und gesenktem Haupt lässt sich der Mann mit der grauen Mütze ohne großen Widerstand von den zwei Soldaten abführen.

“Der kommt jetzt in eines der vielen Auffanglager hier und wird dann willkürlich in irgendein Land der blauen Zonen geschickt. Immerhin muss er nicht wieder dahin, wo er hergekommen ist.”, beendet Herr K. seinen Gedanken.

Plötzlich dreht sich jemand, der seine Kapuze tief im Gesicht zu hängen hat, zu Herrn K. um.

“Von wegen! Wenn der nur wüsste, was ihm jetzt blüht. Der kommt weder ins Auffanglager, geschweige denn in die blaue Zone! Für ihn ist der Flieger abgedüst.”

Mit halb offenen Mündern und skeptischen Blicken starren die Herren in die Richtung des Burschen; Herr G. fängt sich als Erstes. 

“Kannst Du das bitte für uns präzisieren? Wir scheinen wohl weit hinter einem der vielen Monde unseres Sonnensystems zu leben.”

Der junge Mann kneift die Lippen zusammen und runzelt die Stirn. Kurz darauf spricht er beinahe im Flüsterton weiter, dabei schaut er sich ständig um.

“Habt Ihr denn nichts von den Injektionen gehört? Denkt Ihr wirklich, wir werden hier alle gerecht aufgeteilt? Überlegt doch mal, wie viel Millionen Menschen gerade auf der Flucht sind! Dieser Typ kriegt die Todesspritze, klare Sache!”

“Woher hast Du diesen Humbug, Bürschchen? Brüssel und die EU würden so etwas nie zulassen!”, entgegnet ihm Herr K. entrüstet.

Der Neue in der Runde setzt einen leicht mitfühlenden Blick auf. 

“Vermutlich sind diese Infos nicht bis in Eure Länder gesickert…Hört zu, Ihr seht aus wie zwei vernünftige Menschen, da möchte ich Euch nichts vorenthalten. Hier in Europa sind die Gerüchte dieser Todesspritzen auch nur durch die Untergrundpresse gegangen, dass die Einwanderungsbehörde mit solchen Mitteln vorgeht, Frauen und Kinder zählen nicht dazu – vorerst. Schon seit Jahrzehnten gehören die meisten Blätter den Milliardären und Regierungen, wenn Ihr wisst, was ich meine. Ein Freund von mir hat mir allerdings gerade erst alles bestätigt, der kennt nämlich jemanden in der Einwanderungsbehörde, und dieser hatte ihn noch dazu gewarnt, bloß alles richtig zu machen bei der Ausreise. Sonst ist man ratzbatz weg vom Fenster.“

Der Große zuckt zusammen; mit weit aufgerissenen Augen starrt er den Neuen an.

“Und warum weiß meine Frau nichts davon? Sie lebt in Norwegen. Vor einer Woche ist es mir gelungen, kurz mit ihr zu sprechen. In Norwegen müsste dieses Gerede doch auch für Aufregung gesorgt haben, wenn das stimmen sollte!”

“Wo denkt Ihr hin?”, antwortet der Neue. “Diese Gerüchte werden von den Regierungen natürlich mit allen Mitteln bekämpft und abgefangen. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was mein Freund mir alles erzählt hat! An den Schaltern hier verläuft alles ganz normal, um keine Panik zu verbreiten.” 

Plötzlich setzt sich die Schlange erneut in Bewegung. Es sind nur noch wenige Meter bis zu den Beamten. 

“Was meint Ihr, was hier noch alles geheim gehalten wird!”, fährt der Neue fort.

Die Zwei fangen nur noch Bruchstücke ein, weil er – mittlerweile wieder zum Schalter gedreht – nun noch leiser spricht.

“ Spritzen … Zahlen der Toten vertuscht … Vermisstenanzeigen … Regierung … Lügen … Angehörige … seit Langem … Polen, Ungarn, … kranke Patienten Placebo-Medikamente, seit zwei … das Gleiche auch in … wie Deutschland und Frankreich. Krankenhäuser schrumpfen, Krankenversicherungen … nicht mehr … Ärzte, … no-future Patienten trotzdem behandeln, riskieren … Leben … kein Brot und Getreideprodukte … einigen … Europas … nur die Reichen …Lebensmittelkrise … Obst … Gemüse sehr knapp …” 

Ein Offizier, der am Rand der Schlange steht, rückt auf einmal näher an den jungen Mann heran, der daraufhin sofort verstummt. Ein letztes Mal wendet er sich den Beiden zu, wünscht ihnen viel Glück und ein besseres Leben, falls sie sich später nicht noch einmal begegnen sollten.

 Die dunkelrot gefärbten Ohren des Langen bilden einen starken Kontrast zu seinem bleichen Gesicht.   

“Ich…., ich muss zu meiner Familie! Sie stecken in Schwierigkeiten!”, seine Stimme überschlägt sich. Panisch wendet er sich an den Kurzen und ergreift dessen Hände. 

„Nicht so laut, sonst fischt uns der Soldat noch aus der Schlange!“, sagt Herr K.

“Ich habe Dir noch nicht alles erzählt…”, flüstert Herr G.. “Meine Frau hat einen Antrag auf Einreise für mich gestellt, doch vor zwei Wochen hat sie ihren Job verloren. Meine jüngere Tochter war oft krank in letzter Zeit, immer wieder hat sie sich irgend ein neues Virus eingefangen, da konnte Marina nicht arbeiten gehen. Es musste sich doch jemand um unsere Tia kümmern! Nun droht meiner Familie die Ausweisung aus Norwegen, während ich es endlich geschafft habe, mich aus unserer Heimat zu schmuggeln!…Ich muss einfach zu Ihnen, einen Job in Bergen finden, für meine Töchter da sein und alles daran setzen, dass wir nicht mehr zurück müssen. Alles ist besser als bei uns! Die Wetterverhältnisse sind so unberechenbar und heftig wie nie zuvor; und seit Zukari an der Macht ist, hält er uns wie Vieh gefangen im Käfig! Meine Ausreise war quasi unmöglich!” Herr G. redet hastig ohne Luft zu holen. ”Nach dem zweiten Fluchtversuch, vor zwei Jahren, saß ich lange Zeit im Gefängnis, kam mit viel Glück frei … Und jetzt soll alles hier scheitern?” Er seufzt und bibbert. Herr K. hatte verstanden.

“Hör zu, Du musst jetzt die Nerven bewahren. Wer weiß, was das gerade für ein Spinner war. Der wollte uns vielleicht einfach nur Angst einjagen!”, sagt er Herrn G..

“Falls da doch was Wahres dran sein sollte, machst Du sicherheitshalber Folgendes: Schieb‘ unauffällig deinen Jackenärmel zwischen den Sensorverschluss, wenn sie ihn Dir ums Handgelenk legen. Hoffen wir, dass er nicht richtig schließt. Wenn Du durch bist, versuch’ mich dort drüben an der Ecke zu treffen.” Kaum merklich zeigt er dem anderen die Stelle. Herr G. nickt nur, zu aufgewühlt, um die Idee von Herrn K. zu verstehen.

Dann sind auch sie schon an der Reihe; beim brummig aussehenden Polizisten auf der rechten Seite des Schalters ist ein Platz frei geworden. 

“Warte auf die Polizistin und setz‘ Deinen Charme ein! Ich nehm’ den Stinkstiefel!”, sagt Herr K., bewegt sich langsam auf den Beamten zu und legt ihm sein Tablet mit all seinen Informationen auf die Theke. 

“Flüchtling aus Zone rot, aha ”, knurrt dieser, während er mit dem beigen Gummifinger über den Bildschirm gleitet. Er trägt – wie alle Soldaten und Polizisten – Handschuhe zum Schutz vor ansteckenden Krankheiten.

“Schon einen Job in Zone Blau?”

“Nein, ich hatte noch keine Zeit mich darum zu kümmern.”

 ”Sie sind Ingenieur?”

“Ja, richtig.”

“Was wäre Ihr Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels und was könnten Sie zur Rettung unseres Planeten sowie der Menschheit beitragen?”

Der Kurze stutzt, findet aber gleich seine Sprache wieder.

“Naja, ich komme ja aus dem Bereich. Ich habe einige Jahre umweltfreundliche Müllverbrennungsanlagen mitkonzipiert, wie Sie in meinem Lebenslauf nachlesen können.

Da ist Skandinavien bereits seit Jahrzehnten Spitzenreiter.“ Er fühlt sich plötzlich wie in einem Vorstellungsgespräch, nur das es hier um seine zukünftige Heimat geht. 

“Sie haben ja auch bei friendly motors Interessantes gemacht. Emissionsfreie Antriebe und Motoren lese ich hier!”, holt der Beamte ihn aus seinen Gedanken.

“Ja genau, da war ich die letzten vier Jahre beschäftigt, bis das Werk wegen der immer wiederkehrenden Stürme schließen musste.” 

“Na, für Sie wird sich in Schweden so Einiges finden lassen. Bei Volvo in Göteborg zum Beispiel.” 

“Herr Kommissar, ich weiß, ich habe Schweden als Wunschland angegeben. Mir ist jedoch zu Ohren gekommen, dass es in Norwegen, vor allem im Energiezentrum in Bergen an qualifiziertem Personal mangelt, wohingegen der Bedarf an Fachkräften in Schweden allmählich gedeckt ist. Ich wäre sehr froh, zum Allgemeinwohl unseres Planeten beitragen zu können und daher wäre es doch am Besten, wenn ich nach Norwegen ginge, meinen Sie nicht? Außerdem habe ich in Bergen auch eine Bekannte.”, sagt der Kurze und hofft, dass der Beamte nicht nach ihrem Namen fragt. Dieser gibt ein mürrisches “Hmm.” von sich und schaut in seinem Computer nach. 

Nach einer Weile sagt er: “In der Tat, … ja, das kann ich ändern. Sie bekommen von mir eine vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung für 6 Monate.” 

 Dabei hält er ein schwarzes Armband mit einem kreisförmigen Sensor unter ein Gerät. 

“Wenn Sie in Bergen angekommen sind, werden Sie im Eingliederungslager zunächst sterilisiert. Über diese Vorgehensweise sind Sie vermutlich bereits informiert.” Er hüstelt und kratzt sich an seinem leicht vorstehenden Kinn. Der kleine Mann nickt. ”Sobald das erledigt ist, wenden Sie sich bitte im Lager direkt an die UACC, die Vermittlungsstelle für klimarelevante Tätigkeiten. Anhand ihrer Daten auf dem Chip werden sie Ihnen erst einmal ein Posten im Energiezentrum vermitteln. Ihre Aufenthaltsgenehmigung wird verlängert, wenn Sie die Probezeit bestanden haben. Übernachten werden Sie erstmal hier im Lager 3 in Machelen. Bitte gehen Sie unverzüglich zu Block D. Der nächste E-Bus in Ihr Lager fährt in 30 Minuten ab. Um 8:00 morgen früh geht Ihre Maschine mit den anderen Klimaflüchtlingen nach Bergen … Machen Sie bitte ihr rechtes Handgelenk frei. Hier sind alle wichtigen Daten drauf, außerdem können wir Sie damit überall finden.” 

Als der Beamte ihm das Armband umschnallt, fragt der Kurze als Ablenkungsmanöver nach dem Standort der Busse. Um ihm die Stelle zu zeigen, dreht sich der Polizist kurz um und zeigt mit dem Finger in eine Richtung: “Folgen Sie einfach der Absperrung.” Diesen kleinen Moment nutzt der Kurze aus; er klemmt seine Jacke zwischen die Metallschnalle des Armbands und deutet dem Beamten danach an, dass es geschlossen ist und gut sitzt. 

 “Noch Fragen? Nein? Dann weiter.” 

Während der Kurze sein Tablet einpackt, steht der Lange bereits am Schalter auf der linken Seite und schaut durch eine Glaswand in das faltige, müde Gesicht einer Polizistin, die abwechselnd auf ihren Bildschirm und auf seine Dokumente starrt. Das Herz des Großen rast. Regen prasselt erneut auf seinen Regenschirm.

“Ihre Familie ist bereits in Bergen?”, fragt sie argwöhnisch mit hochgezogenen Augenbrauen, woraufhin der Lange nickt. “Da wird es langsam eng; das ist Ihnen hoffentlich klar!” Doch plötzlich stutzt sie stirnrunzelnd: “Leben Sie denn von Ihrer Frau getrennt?”

“Nein, nur räumlich natürlich, wie Sie ja jetzt sehen.” Er quält sich ein Lächeln heraus und hofft, dass die Frau Verständnis zeigt. Diese spitzt lediglich ihren Mund.

“Warum haben Sie Ihr Land vor drei Jahren nicht gemeinsam verlassen? Für Sie finde ich hier ich einen Antrag ihrer Frau, der erst in diesem Jahr ausgestellt worden ist.”

“Ich, ich musste in der Heimat noch einige Dinge in Ordnung …” Er bricht den Satz ab und seufzt. “Hören Sie, ich möchte Ihnen nicht irgendeine Geschichte auftischen. Die Dinge liefen vor ein paar Jahren nicht so gut zwischen uns: Meine Frau ist damals mit den Kindern ohne mich aufgebrochen, weil ich zu lange zu blind war, weil ich … meine Heimat einfach nicht verlassen wollte.

Die Frau winkt ab, als wolle sie sagen, dass sie das alles gar nicht so genau wissen möchte und fragt, ob er norwegisch spreche, was er daraufhin verneint.

“Anhand Ihres Lebenslauf sind Sie Koch.”

“Chefkoch, ja!”, unterbricht er sie im leicht forschen Ton.

“In Bergen gibt es Köche “en masse”. Während sie mit dem Kopf schüttelt, zieht sie erneut ihre Augenbrauen hoch. “Bringen Sie sonst noch Kenntnisse mit, die hilfreich für das Land sein könnten? Mit ernster Miene starrt die Frau in seine dunklen Augen. Der Lange verengt sie zu Schlitzen. 

“Ich habe mal einen Töpferkurs belegt.”, antwortet er. Die Beamtin lacht nicht.

“Sie kommen vorerst in Brüssel unter; nachdem wir Ihre Unterlagen sorgfältig geprüft haben, entscheiden wir in welchem Land Sie am Besten aufgehoben sind. Bergen kommt erst einmal nicht in Frage.” Die Ohren von Herrn G. glühen aufs Neue. Er schaut auf das Namensschild der Frau, das auf ihrem Tisch vor dem Computer steht.

“Hören Sie… Diane, richtig?” Den Trick mit dem Vornamen kennt er aus amerikanischen Filmen. “Haben Sie Familie?” Keine Antwort. “Ich liebe meine Familie! Meine Tochter Tia braucht mich; sie ist ständig krank und jetzt muss ich unbedingt zu ihr!” Seine Stimme zittert. “Was gerade auf der Welt passiert, ist unfassbar, katastrophal, schrecklich; es gibt keine Worte dafür. Die Menschheit hat es soweit gebracht, dass nun ganze Bevölkerungen durch Naturkatastrophen schlichtweg ausgelöscht werden. Und das geschieht zum größten Teil in den Ländern, die NICHT verantwortlich für diese verheerenden Zustände sind! … Wir können die Zeit nicht zurückdrehen und es bringt nichts, mit den Fingern auf die Schuldigen zu zeigen. Ich komme aus der roten Zone und kann Ihnen sagen, wie verdammt schwer mir das fällt!” 

Er atmet tief ein und aus und fährt fort. “Egoismus, Habsucht, Trägheit haben unsere Welt kaputt gemacht! Kennen Sie den Satz: “Homo homini lupus est”? Ich glaube, Thomas Hobbes hat ihn berühmt gemacht. Übersetzt heißt er: ‘Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf’… Im letzten Jahrhundert kämpfte doch jeder nur für sich; jeder wollte es zu etwas bringen, Geld machen, berühmt sein, ungeachtet dessen, was es für den Planeten, für das Allgemeinwohl der Menschheit bedeutet! Und nun stehen wir hier an einem Schalter, – die Hälfte der Erde ist bereits nicht mehr bewohnbar, vernichtet, ausgetrocknet – und wir verhandeln darüber, ob ein Mensch bei seiner Familie sein darf oder nicht!” Die Ohren des Mannes sind inzwischen wieder dunkelrot; sein Brustkorb bebt.

“Wenn Biotope zerstört werden, im Übrigen meist verursacht durch die Menschheit, fragt der Schmetterling auch nicht an einem Schalter nach einem Visum, sondern sucht sich eine neue Blumenwiese… Alles, was ich möchte, ist zu meinen Liebsten zu kommen und mit ihnen zusammen sein. Ich werde ein Abendstudium für Ingenieurwesen belegen und tagsüber für Fachleute kochen. Ich werde lernen, was Bergen braucht, koste es meine ganze Kraft!”

Die Frau hinter dem Schalter wischt sich mit einer zügigen Handbewegung über ihre Stirn. Ihre strengen Falten sowie ihre harten Gesichtszüge sind einen Augenblick lang verschwunden.

“Ich werde schauen, was sich machen lässt.”, sagt sie knapp.

Obwohl seine Gefühle Achterbahn spielen, bekommt Herr G. abermals ein gequältes Lächeln zustande. Beim Warten beißt er sich immer wieder auf seine Unterlippe.

“Ihre Frau hat vor einiger Zeit ihre Arbeit verloren. Ungewisser Status steht hier.”, stellt die Polizistin plötzlich fest und schaut danach von ihrem Computer hoch, direkt in die Augen von Herrn G. “Es tut mir leid, das muss erst ordentlich geprüft werden. Diese Entscheidung liegt nicht in meiner Hand.” 

Herrn G. wird schwindelig, doch zwingt er sich die Fassung zu bewahren. Jetzt muss er handeln. Als er seinen Sensor ausgehändigt bekommt, hält er einen Moment lang den Regenschirm mit der einen Hand so vor seinen Oberkörper, dass ihn die Beamtin nicht beobachten kann. Es gelingt ihm tatsächlich, innerhalb von Sekunden ein Kleidungsstück zwischen die Schnalle des Armbandes zu klemmen und im Anschluss den Anschein zu erwecken, dass es richtig geschlossen ist. Mit einer Handbewegung fordert die Beamtin ihn dann auf, den Platz zu räumen. 

Hinter dem Schalter läuft Herr G. zwischen der Absperrung entlang und steuert auf die kleine freie Fläche an einer Ecke zu, wo Herr K. mit aufgespanntem Schirm bereits auf ihn wartet.

Der Blick von Herrn K. spricht Bände. 

“Schnell! Wir dürfen jetzt keine Zeit verlieren. Halt Deinen Schirm hier her, so kann uns keiner sehen!”, sagt der Kurze zum Großen. 

“Von nun an bist Du Ingenieur, der morgen früh nach Bergen fliegt.”, flüstert er ihm zu, während er an dem Verschluss seines Sensors rüttelt. Herr G. zögert und blickt Herrn K. ins Gesicht.

“Aber…was wird aus Dir und was, wenn es diese Todesspritzen tatsächlich gibt?” 

 “Mach‘ Dir um mich mal keine Sorgen! Du musst zu Deiner Familie! … Das sind übrigens scharfe Teile, diese Detektoren, findest Du nicht? Man kommt sich vor wie ein Schwerverbrecher!”, Herr K. lächelt verkrampft, drückt dem anderen seinen Sensor in die Hand und öffnet danach den von Herrn G. 

“Was machen Sie denn da?”, brüllt plötzlich eine tiefe, gedämpfte Stimme von der Seite. 

Wie aus dem Nichts stehen auf einmal ein kräftig gebauter Soldat und ein weiterer von eher schmächtiger Gestalt neben ihnen. Beide tragen Schutzmasken.

Die Körper der zwei Männer erstarren. Gleichzeitig schließen sie ihre Augen.

“Sofort mitkommen!”, ruft der schmächtige Soldat. 

Die Offiziere packen die zwei Männer an den Armen und legen ihnen Handschellen an. 

Beinahe gewaltsam schubsen sie sie vorwärts. “Bewegung, Leute!” Der Schmächtige geht mit dem Kurzen voran. 

“Hier trennen wir die beiden, du gehst in die 6 zu Larson! Ich bringe den hier zu Schneider in die 8.”, ruft der Kräftige dem anderen zu, als sie auf einer kleinen Straßenkreuzung stehen bleiben.

Ein letztes Mal schafft es Herr K. sich zu Herrn G. zu drehen.

“Bei diesem ganzen Trubel hier haben wir uns noch gar nicht vorgestellt. Dakila ist mein Name … das bedeutet groß!”, sagt er beinahe schmunzelnd, bevor er sich wieder in Bewegung setzen muss.

Herr G. sieht das flüchtige Funkeln in den traurigen Augen des anderen, dann wird auch er von dem kräftigen Soldaten weggezogen.

Autorin: Julla P.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.